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Rat für deutsche Rechtschreibung
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Fritz Koch
10.10.2004 09.30
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Die in der Schriftsprache innewohnenden Gesetzmäßigkeiten zu erkennen,

halte ich für eine der schwierigsten Aufgaben überhaupt.
Und genau dazu waren die verbliebenen Mitglieder der Rechtschreibkommission nicht fähig, und deswegen haben sie eigene neue Regeln erfunden. Naturwissenschaftler könnten sich so etwas nicht leisten.

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Matthias Dräger
10.10.2004 06.16
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Pressekonferenz FDS, Berlin / Rat für deutsche Rechtschreibung, München

Frankfurter Buchmesse, 6. Oktober, erster Beitrag von Prof. Ickler:

Ich habe gewissermaßen den schwierigsten Part, weil ich als Sprachwissenschaftler argumentiere, und als solcher habe ich vor knapp zehn Jahren, als die ersten Meldungen von den dritten Wiener Gesprächen an die Öffentlichkeit drangen, erkannt, daß diese Reform, so wie sie damals sich abzeichnete, nicht funktionieren kann; und meine schwierige Aufgabe habe ich darin gesehen, möglichst vielen Menschen zu erklären, daß die Regeln oder Regelmäßigkeiten, die der Sprache immanent sind, genauso unverbrüchlich sind wie die Schwerkraft oder irgendwelche mathematischen Gesetze, und daß es nicht so ist, wie einige maßgebende Reformer behauptet haben, daß die Schreibweise ungefähr wie die Postleitzahlen zu beurteilen sei, also etwas, was man auch mal ändern könnte und was eigentlich nur Menschenwerk ist. Die Sprache ist Menschenwerk, trotzdem hat sie ihre Gesetzmäßigkeiten.

Ich will beispielsweise nur erwähnen, daß, wenn man eine Substantiv-Großschreibung hat, man eben nicht „Leid tun“ groß schreiben kann. Das sind also Folgerichtigkeiten, die man beachten muß, und da hat’s eben von Anfang an gehapert. Diese Reformer haben dann selbst Ende 1997 schon erkannt, daß dieses Regelwerk korrekturbedürftig ist; es war damals von „unbedingt notwendigen Änderungen“ die Rede, die man einführen oder durchführen müsse. Diese Änderungsvorschläge wurden von den Kultusministern untersagt, und das Reformwerk trat dann also im Sommer 1998 unkorrigiert in Kraft. Das war eigentlich die Keimzelle des Zerfalls auch gleichzeitig. Nachdem Karlsruhe noch seinen Segen dazu gegeben hatte, habe ich damals in einer Zeitung geschrieben, auch um meine Mitstreiter ein bißchen zu trösten: Das Schlimmste, was der Reform passieren konnte, war ihr Inkrafttreten. Denn von da an wurde dann – ein Jahr später haben ja die Zeitungen umgestellt – für jeden sichtbar, daß es nicht geht, während man sonst hätte sagen können: Ja, da haben irgendwelche reaktionären Geister ein an sich vorzügliches Reformwerk zu Fall gebracht. Das war nun aber nicht mehr möglich, nachdem nun, fünf Jahre lang jetzt schon, Tag für Tag dieser Unsinn vor aller Augen lag.
Es ist dann jetzt, um auf die Wörterbücher zu sprechen zu kommen, die eine ganz entscheidende Rolle gespielt haben neben der Presse – 1996 erschienen ja die ersten reformierten Wörterbücher, der erste reformierte Duden (Bertelsmann ist inzwischen aus der Konkurrenz wieder ausgeschieden) … Vier Jahre später erschien ein sehr stark revidierter Duden, der sich immer noch auf die amtlichen unveränderten Regeln von 1996 berief, in Wirklichkeit aber Hunderte von Änderungen einführte. Damals platzte der FAZ der Kragen, und sie nahm ihre Umstellung wieder zurück, nachdem sie es ein Jahr versucht hatte. Der Auslöser war, wie Sie vielleicht noch in Erinnerung haben, dieser heimlich revidierte Duden.
Wiederum vier Jahre später erschien jetzt ein weiterer Duden, der erstmals aufgrund einer amtlichen Revision der neuen Regeln reformiert worden ist – Herr Denk hat’s schon gesagt –, ein zum Teil rück-reformierter Duden, der aber eigentlich die Konfusion komplett macht. Das hat auch eine Rolle gespielt bei dem jetzigen Entschluß von Springer und anderen Zeitungen und auch einigen anderen Verlagen, nun wieder [zur bewährten Rechtschreibung] zurückzukehren. Also diese immer wieder veränderten Duden-Auflagen haben eine ganz entscheidende Rolle gespielt bei diesen Rückbau-Vorstößen, die uns jetzt so sehr freuen. Einerseits – andererseits ist es traurig, daß es soweit kommen mußte.

Ich will jetzt noch ein Wort sagen zur lexikographischen Erfassung der Rechtschreibung überhaupt und da auch mein Wörterbuch erwähnen. Das tue ich also nur mit der Vorbemerkung, daß ich daran nichts verdiene. Dieses Wörterbuch ist jetzt in der 4. Auflage, es ist genau wie alle anderen Auflagen und auch meine übrigen Bücher honorarfrei erstellt; es ist also keine wirtschaftliche Konkurrenz, aus der heraus ich jetzt etwas über den Duden sage oder über Wörterbücher überhaupt, sondern es ist so gewesen, daß ich nach Veröffentlichung oder ungefähr gleichzeitig mit der Veröffentlichung meiner sprachwissenschaftlichen Kommentare zur Neuregelung aufgefordert worden bin von Mitstreitern, einmal an einem eigenen Wörterbuch zu zeigen, wie denn meiner Auffassung nach eine vernünftige Darstellung der bisherigen Rechtschreibung aussehen sollte. Denn mein Punkt war nämlich der: Ich habe auch schon lange vor der Reform am Duden Kritik geübt, und zwar, weil der Duden – wie übrigens die Redakteure dort selbst freimütig zugeben – sich darauf eingelassen hatte, sehr viele, Tausende von … Einzelwortschreibweisen festzulegen, einfach als Antwort auf die vielen Anfragen, die ständig bei der Duden-Redaktion einlaufen, von Sekretärinnen, von Lehrern usw. Die wollen wissen, wie schreibt man das denn, und dann hat der Duden eben gesagt, das schreibt man so: Wir schreiben ernst nehmen getrennt, aber ernstzunehmend schreiben wir zusammen … und solche Sachen, was eigentlich auch der Duden-Freund nicht im Kopf behalten konnte und die meisten Leute gar nicht so genau wissen. Man schlug dann eben nach oder auch nicht, das war dann eigentlich egal.
Meiner Ansicht nach wäre die erste Arbeit gewesen, die tatsächlich im Deutschen in guten Texten, also seriösen Zeitungen, Fachbüchern usw. praktizierte Rechtschreibung, wie sie sich im Laufe der Jahrhunderte entwickelt hatte, zunächst einmal empirisch zu erfassen und dann in einer geeigneten Weise zu notieren, in einem gut lesbaren Notationssystem ein Wörterbuch zu bringen.
Mir schwebte damals ein reines Orthographikon vor, also das ohne Bedeutungsangaben, ohne weiteren Firlefanz, ohne Aussprache nur die Schreibweise der Wörter einfach empirisch deskriptiv darstellen sollte. Das habe ich dann auch gemacht und mit Herrn Drägers Hilfe auch veröffentlichen können, in einer ersten vorläufigen Ausgabe, dann auch in einer gebundenen Ausgabe. Inzwischen ist dann noch, auf Wunsch vieler Benutzer, etwas als Zugabe entstanden: Bedeutungsangaben, etwa in dem Umfang, wie sie auch im Duden standen, so daß man dieses Wörterbuch jetzt auch praktisch besser nutzen kann. Aber mein Hauptpunkt, der eigentliche Anlaß war, wie gesagt, gar nicht, ein marktfähiges Wörterbuch zu erstellen, sondern einfach ein weiteres Argument zu liefern, ein anschauliches Argument, wie mit Rechtschreibung umzugehen sei. Daraus ist dann dieses Wörterbuch entstanden.
Es ist dann gleichzeitig Teil eines Rückkehrplanes geworden, den ich eben auch vor Jahren schon in der Zeitung vorgelegt habe, zum Teil auch unter dem Titel: „Gibt es ein Leben nach dem Duden?“ Also wenn das Duden-Privileg nun abgeschafft ist und auch nicht wiederhergestellt werden kann und soll und wird, wie soll man denn nun überhaupt eine einheitliche Orthographie gewährleisten? Mein Plan sah vor und sieht immer noch vor: Ab sofort wird wieder die bisherige Rechtschreibung an den Schulen unterrichtet. Das kann dieses Wörterbuch sein, das kann irgendein anderes Wörterbuch sein – also Verlage, die sich zutrauen, die bisher übliche Rechtschreibung empirisch fundiert darzustellen; das kann der Duden-Verlag zum Beispiel sehr gut, die Duden-Redaktion hat alle Mittel dazu – das wird dann zugrunde gelegt. Die reformierte Rechtschreibung bleibt noch für einen großzügigen Übergangszeitraum insofern gültig, als sie nicht als fehlerhaft angestrichen wird. Die Schüler müssen da also immer schonend behandelt werden für eine Übergangszeit.
In Zukunft wird das so gemacht, daß jeder, der es sich zutraut, die übliche Rechtschreibung in Wörterbuchform darstellen kann und daß Rechtschreibwörterbücher genau wie andere Schulbücher einem Schulbuchzulassungsverfahren unterworfen werden, so daß die Kultusminister, die Schulministerien noch die Hand drauf haben und da kein Wildwuchs entsteht, sondern genau wie die Aussprache, die Bedeutung und die Grammatik des Deutschen nicht staatlich erfaßt, aber von staatlichen Stellen für die Schulen zugelassen wird, genauso auch die Rechtschreibung. Warum eigentlich nicht? Das funktioniert in England und anderswo, das können wir auch. In dem Zusammenhang ist also dieses Wörterbuch entstanden als eine Art Argument und Stütze für diesen Rückkehrplan, der meiner Ansicht nach sehr kostengünstig wäre, niemandem auf den Fuß treten würde außer einer Handvoll Reformer, und eigentlich spricht nichts dagegen, das so zu machen. Ich bin jetzt auch glücklich darüber, daß eine doch überwältigende Zahl – vor allem auch von der Auflage her – von Zeitungen wieder in einer vernünftigen Rechtschreibung erscheint. Das ist ja ein richtiger Genuß, wenn man diese Zeitungen liest; heute morgen in der Bahn habe ich mir „Die Welt“ angetan, und das war also sehr schön zu lesen, bis auf einige Kleinigkeiten, die noch nicht so funktionieren, das ist schon wieder sehr ordentlich.

Das ist meine Einlassung im Augenblick.


(Tonbandabschrift, erstellt von Frau Luetjohann)

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DS
08.10.2004 15.45
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berichtigt

kalmiert, Gehrer

Tonband liegt nicht vor, Ickler/Ruiss noch nicht verändert

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Christian F. Langewische
08.10.2004 15.27
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Ist also doch keine Zauberei im Spiel?

„Palmieren“ bezeichnet doch das Verbergen eines Gegenstandes in der Handfläche, wie man es beispielsweise in der Zauberei praktiziert.

Oder irre ich da?
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Christian F. Langewische

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Reinhard Markner
08.10.2004 14.46
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Danke, sehr interessant ! Die betreffende Ministerin heißt Gehrer, nicht Gerhardt. Das betreffende Verb heißt „kalmiert“, nicht *palmiert. Und mir scheint, daß bis zum Ende Ruiss spricht, nicht Ickler. (Hinweise können gelöscht werden.)

Lieber Herr Markner, Sie haben natürlich recht, Gerhard Ruiss spricht bis zum Schluß. Ruiss spricht ein sehr lebhaftes Österreichisch, ist auf der Presskonferenz bestens (inklusive der zugehörigen Handbewegungen), auf dem Tonband aber manchmal schwer zu verstehen.
Ich war heute auf der Messe, hoffe, den Text heute nacht korrekturhören zu können.

Es folgen noch am Montag/Dienstag: Die Beiträge von Prof. Ickler, Denk, nochmals Krieger, etc.

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Matthias Dräger
08.10.2004 11.36
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Pressekonferenz Frankf. Buchmesse 6. Oktober 2004

Guten Morgen meine Damen und Herren,
im Namen des Rates für deutsche Rechtschreibung e.V. und der Forschungsgruppe Deutscher Sprache begrüße ich sie herzlich zu dieser Pressekonferenz über den Stand der Dinge in Sachen Rechtschreibreform. Ich stelle Ihnen zunächst die Teilnehmer hier auf dem Podium vor: Zu meiner Rechten, von Ihnen aus gesehen links, sitzt Herr Gerhard Ruiss aus Österreich, Lyriker, Satiriker, Liedermacher und Vorsitzender der IG-Autoren oder -Autorinnen. Zu meiner Linken Herr Professor Theodor Ickler von der Universität Erlangen/Nürnberg, Sprachwissenschaftler, Inhaber eines Lehrstuhls für deutsch als Fremdsprache, Autor zahlreicher kritischer Analysen über die Rechtschreibreform, Autor vor allem eines neuen Rechtschreibwörterbuches auf der Grundlage der alten vorreformatorischen Schreibung erarbeitet, das diese alte Schreibung neu darstellt. Dieses Wörterbuch ist gerade eben in seiner zweiten Auflage erschienen. Ist es schon da, oder? Ach ja, da ist es, wunderbar. Und ganz links außen von mir gesehen, von Ihnen aus gesehen ganz rechts außen, Herr Friedrich Denk, bis vor kurzem Gymnasiallehrer, Initiator einer einzigartigen und beispielhaften Literaturförderung am Gymnasium, Herausgeber einer Schriftenreihe, Initiator des, soweit ich weiß, einzigen Literaturpreises der von Schülern juriert wird, wo Schüler die Auswahl treffen, und natürlich als Kritiker der Rechtschreibreform seit Jahren, seit der Frankfurter Erklärung von 1996, allgemein bekannt.
Ich selbst, ich bin Hans Krieger, Vorsitzender des Rates für Deutsche Rechtschreibung e. V., im Beruf Journalist, Kulturjournalist und Lyriker.
Ja, meine Damen und Herren, haben wir keine anderen Sorgen als ausgerechnet Rechtschreibung? So wird immer wieder gefragt; man kann darauf eigentlich nur mit dem Dichter Reiner Kunze antworten: Eben weil wir andere Sorgen haben, muß die Sprache eine unserer allerersten Sorgen sein. Die Sprache ist die Grundlage und das Medium unserer gesamten Weltorientierung. Von der Differenziertheit der Sprache hängt die Genauigkeit unserer Wahrnehmung ab, die Präzision unseres Denkens, damit auch die Durchdachtheit unserer politischen Auseinandersetzung und des aus dieser Auseinandersetzung hervorgehenden Handelns. Jeder Verlust an Differenziertheit der Sprache ist ein Verlust an politischer Rationalität. Nun hat die 1996 beschlossene Rechtschreibreform ja, wie Sie alle wissen, nicht nur Schreibweisen geändert, sondern die Sprache selber geändert, tief eingeschnitten in die Substanz der Sprache. Und dafür ist es jetzt unerheblich, ob das 2 oder 3 Prozent des Wortschatzes betroffen hat, oder vielleicht 5 oder 8. Die Tatsache als solche, daß die Sprache angetastet wurde, ist entscheidend. Es sind zahllose zusammengesetzte Wörter aus dem Verkehr gezogen worden durch den absurden Zwang zur Getrenntschreibung. Damit sind viele Bedeutungsunterscheidungen verlorengegangen. Es sind Ausdrucksnuancen verlorengegangen, d.,h., wir haben eine Reduzierung der Artikuliertheit der Sprache über uns ergehen lassen, eine Entdifferenzierung der Sprache. Zugleich aber auch ist mit vielen Schreibweisen die Gesetzlichkeit der Grammatik außer Kraft gesetzt worden. Also man muß von einer kulturellen Regression sprechen und das auch ganz im Wortsinne – eine Rückwärtsbewegung –, denn zu weiten Teilen hat die Reform Schreibgepflogenheiten aus der Zeit vor 200 Jahren künstlich restauriert. Es ist also vollkommen absurd, wenn man der Forderung nach Rücknahme der Reform die Binsenweisheit entgegenhält, das Rad der Entwicklung könne und dürfe nicht zurückgedreht werden. Die Reform war das Zurückdrehen des Rades, und die Rücknahme der Reform bringt das Rad wieder dorthin, wo es hingehört, nämlich wieder nach vorne. Dieser massive Eingriff in die Substanz der Sprache hat gerade uns Journalisten, und als Journalist darf ich in diesem Kollektiv von wir/uns reden, hat uns Journalisten ganz unmittelbar und massiv in besonderer Weise betroffen. Es gingen Ausdrucksnuancen verloren, ich hab das schon gesagt, d.h., es ist im Grunde ein massiver Eingriff in die Freiheit der Berufsausübung. Ich habe nie begriffen, daß die Presse mit solcher Gehorsamsbereitschaft sich unter dieses Joch gebeugt hat. Und ich sehe in dem Entschluß der Springerzeitungen, der seit Sonntag gilt, zur bewährten alten Schreibung zurückzukehren, einen wichtigen Schritt zur Wiederherstellung der professionellen Autonomie und zur Wahrung des journalistischen Berufsethos. Diese Rückkehr einiger Zeitungen, und eines gewichtigen Teils der deutschen Presse, zur alten Schreibung ist jetzt einer der Gründe, warum die Diskussion um die Rechtschreibung erneut so heftig aufgeflammt ist. Ein anderer Grund ist die soeben neu erschienene neue Dudenauflage. Es ist die 23., in der die Substanz der Neuschreibung noch einmal verändert wird. Dieser neue Duden betreibt unterderhand einen Rückbau der Reform, allerdings einen halbherzigen, einen unvollständigen, einen in sich widersprüchlichen Rückbau. Dieser Rückbau der Reform geht nicht soweit, daß wir wieder zu klaren Verhältnissen kämen, aber er geht immerhin weit genug, daß man von einer Reform der Reform, vielleicht von einer 2. Stufe der Reform sprechen muß, vielleicht sogar von einer neuen abermaligen Rechtschreibreform zu reden hat. Die Folge davon ist, daß alle seit 1996 erschienenen Rechtschreibwörterbücher wertlos sind; daß alle seither gedruckten Schulbücher eigentlich revidiert werden müssen; und daß auf jeden Fall alle, inklusive Schulkinder, noch einmal umzulernen haben. Mit anderen Worten, das, was von einer Rücknahme der Reform befürchtet wird und angeblich eine Rücknahme der Reform unzumutbar macht, nämlich Unbrauchbarwerden von Büchern und Zwang zum abermaligen Umlernen. Alles das haben wir schon mit diesem neuen Duden. Nur, wir haben die Vorteile nicht, die eine wirkliche Rücknahme der Reform brächte. Wir haben nicht den Wiedergewinn der Klarheit der verläßlichen Orientierung, sondern wir haben im Grunde neue Verunsicherung, neues Chaos, weil nach außen hin die Fiktion aufrechterhalten werden soll, als sei mit diesem Duden gar nicht wirklich etwas geändert, als hätten wir weiterhin eine gleichgebliebene und in sich konsistente amtliche Neuregelung der Rechtschreibung, die es im Grunde gar nicht wirklich gibt. Nicht zuletzt ist dieser neue Duden, über den nachher Professor Ickler noch einiges sagen wird, das Eingeständnis, daß die Reform fundamental vermurkst war und in ihrer ursprünglichen Form nicht zu halten ist. Daraus kann es nur eine Konsequenz geben: Anstelle einer heimlichen und halbherzigen Rücknahme verlangen wir die offene und vollständige Rücknahme der Reform. Das wäre ehrlicher, es wäre einfacher, es wäre viel vernünftiger und zweckmäßiger, weil es rasch und sicher zu klaren Verhältnissen führt, und es wäre nicht zuletzt wesentlich billiger. Damit gebe ich das Wort weiter an Gerhard Ruiss, der uns sicher jetzt etwas über die Entwicklung in Österreich sagen kann. Danach wird Professor Ickler Ihnen noch einiges zum neuen Duden und vielleicht auch sonst noch einiges aus sprachwissenschaftlicher Sicht sagen; und danach wird Friedrich Denk den Frankfurter Appell vorstellen, eine neue Initiative von Schriftstellern.

Herr Ruiss:

Herzlichen Dank. Zunächst einmal würde ich sagen, das Versagen der Reform ist doch ohnehin schon offen allen bekannt. Also wenn beispielsweise in Österreich die zuständige Fachministerin sagt, es kann kein Zurück geben, sagt sie wiederholt, es kann kein Zurück geben, aber zugleich sagt sie, dieser neue beabsichtige Rat für deutsche Rechtschreibung soll die Unsinnigkeiten, die aufgetreten sind mit der Reform, korrigieren. Das heißt also, die als wunderbar perfekt verkaufte Reform ist korrekturbedürftig, das weiß man jetzt schon, bevor diese neue Kommission ins Amt gehoben werden soll. Na ja, ich würde sagen, damit habe ich einbekannt: die wunderbare Reform ist keine wunderbare Reform, wenn ich vor allem den Hintergrund sehe. Und der ist in Österreich nicht anders als in Deutschland oder der Schweiz. Der Hintergrund dieser Reform ist: Die gesammelte staatliche Macht hatte 8 Jahre Zeit, und zwar in den deutschsprachigen Ländern, um zu überzeugen. Sie hatte alle Schulen mit weisungsgebundenen Lehrern und Lehrerinnen zur Verfügung, und hat es in 8 Jahren nicht geschafft, mit dieser Materie Rechtschreibreform zu überzeugen. Das beweist doch, daß es offenbar hier um etwas geht, was den Leuten nicht näherzubringen ist, was sie sozusagen nur unter Zwang anwenden, so sieht es auch aus, weil nicht einmal in den Ämtern diese Rechtschreibreform umgesetzt wird, wo sie angeblich schon umgesetzt ist. Dort wird Rechtschreibreform geheuchelt. Ich kann Ihnen das in Österreich sagen, allenfalls fällt jemandem einmal ein, wo ein scharfes s zu setzen gewesen wäre, ein Doppel-s zu schreiben. Also mehr ist da nicht mit der Rechtschreibreform. Die Formulare sind sowieso im eigenen Amtsdeutsch verfaßt; da weiß sowieso kein Mensch, was neue oder alte Rechtschreibung ist. Das ist ein eigenes Kapitel. Was mich nebenbei auch immer gewundert hat, warum sind eigentlich privatwirtschaftliche Unternehmen bereit, die Kosten für eine solche Reform, für die es überhaupt keinen zwingenden Grund gab, zu tragen und weiter zu tragen? Offenbar sind das jetzt einige potente, ökonomisch potente deutsche Medien nicht mehr. In Österreich ist die Situation ein bißchen anders. Die österreichischen Presseverlage sind stärker mit der Politik verquickt als das in Deutschland der Fall ist. Sie sind noch stärker mit dem deutschen Markt verquickt, als das umgekehrt für den deutschen Markt der Fall sein wird. Das heißt also, in Deutschland wird man weniger abhängig sein von der Beteiligung von österreichischen Medien, falls es solche gibt. An deutschen Medien ist das umgekehrt der Fall. Also der ökonomische Grund hat mich auch immer gewundert. Aber noch viel mehr hat mich in all diesen Jahren gewundert, warum denn eigentlich Buchverlage da mitziehen wollen, was im übrigen bei den Literaturverlagen nicht der Fall ist. Das heißt, die Literaturverlage sind von Haus aus nicht in diese Reform eingestiegen. Das ist in Österreich ganz deutlich erkennbar. Wer aber der Reform gefolgt ist, das sind natürlich notwendigerweise die Schulbücher und die Kinder- und Jugendliteratur, die natürlich auch der Approbationen bedürfen. Das heißt, sind die nicht in der neuen Rechtschreibung geschrieben, dann werden sie einfach nicht approbiert und für den Unterricht zugelassen. Damit ist der Schulbuchverlag um sein Geschäft gebracht. Wir haben in Österreich zudem noch die besondere Situation, daß Schriftsteller und Schriftstellerinnen nicht gefragt werden müssen, ob sie einverstanden sind, neu geschrieben zu werden mit ihren Texten, obwohl die in der alten Rechtschreibung vorhanden sind oder nachgedruckt werden in Schulbüchern. Wir haben in Österreich ein etwas veraltetes Urheberrechtsgesetz gegenüber dem deutschen Urheberrecht. Das heißt, bei uns konnte man auch über unsere Köpfe hinweg die Texte umschreiben, was man in Deutschland so nicht kann. Die Konsequenz in Deutschland ist, das weiß ich schon, daß viele deutsche Kolleginnen und Kollegen immer weniger, wenn sie darauf beharren, in der alten Schreibung vorzukommen, immer weniger in Schulbüchern Aufnahme finden. Vielleicht interessiert es Sie auch noch, daß es in Österreich insgesamt so gesehen worden ist. Sie haben ja immer bedauerlicherweise Nachrichten vom großen Vorsitzenden der Rechtschreibreformkommission Herrn Karl Blüml vernommen, daß in Österreich alles immer in Ordnung gewesen sein soll. Ich kann Ihnen versichern, in Österreich hat der Streit mindestens so heftig getobt wie hier in Deutschland. Nur haben wir eben eine andere Mediensituation, und es gelingt eben immer nur punktuell, wieder mal die Problematik zu thematisieren, und dann ist schon wieder alles kalmiert. Ich könnte Ihnen viele viele Beispiele in der österreichischen Medienlandschaft sagen, wie rasch das Thema da ist und welch großes Problem es ist, und in der Folge werden Sie sofort Artikel finden, wo alles schon wieder in Ordnung ist. Also das ist auch, wenn ich sage, typisch österreichisch. Wir haben mit nicht vielen Dingen ein Problem. Vielleicht auch, glaube ich, weil wir in der Frage gar nicht so sehr entscheidend sind. Tatsächlich ist es so, die Entscheidungen werden hier in Deutschland fallen; die Entscheidungen werden, das behaupte ich auch, das weiß ich inzwischen auch, werden über die Anwender fallen. Das heißt, wenn diese Reform weiter nicht angenommen werden wird, und das sieht ganz danach aus, wird ganz einfach diese neue Rechtschreibung sich in ihrem Geist nämlich (...) nicht durchsetzen. Und das ist etwas, was uns Schriftsteller und Schriftstellerinnen immer am meisten verblüfft hat, diese plötzliche Wiederkehr, das Wiederkehren solcher Obrigkeitsgläubigkeit, daß plötzlich eine zwischenstaatliche Beamtenkommission sagen soll können, wie jetzt das richtige Schreiben funktioniert. Das hat, wir haben viele Erfahrungen mit dem Beamtenstaat, und wir haben immer mißtraut. Und aus guten Gründen. Nicht weniger unsere Kolleginnen und Kollegen waren auch Schriftsteller und Schriftstellerinnen, vielleicht sogar unsere hervorragendsten, und die haben sozusagen sich auch selber in dieser Doppelfunktion mißtraut. Also wir haben immer diesem Beamtenstaat mißtraut, und jetzt plötzlich kehrt er wieder und sagt: Wir sind die Rechtschreibreform und wir setzen uns auch bis ins endlose fort mit einem Rat für deutsche Rechtschreibung. Also ich denke sozusagen, das ist auch etwas für sich, gegen das wir massiv aufgetreten sind, gegen das wir massiv auftreten sollten und gegen das wir massiv weiter auftreten werden, weil natürlich im Grunde genommen, das, was zu regeln ist, sich immer, ich würde fast sagen, wie von selber geregelt hat, und zwar durch die professionellen Anwendergruppen. Das sind Schriftsteller und Schriftstellerinnen, das sind Journalisten und Journalistinnen, und das sind die Medien. Sozusagen, das sind die Praktiker und Praktikerinnen. Dadurch hat sich die Sprachentwicklung ergeben. Niemand hat eine Rechtschreibreformkommission benötigt, die jetzt für uns sozusagen Worterfindungen machen muß oder Wortgruppenerfindungen machen muß, weil uns vielleicht die Ideen dazu ausgegangen sein könnten. Ich denke, was der Zustand, der vorher der Fall war, es hat sozusagen nicht mehr als die Notwendigkeit des dokumentierenden Begleitens gegeben einer (....) Sprachentwicklung, und nicht mehr wäre jetzt auch notwendig, und nebenbei hätte man von vornherein auf Leute hören sollen, auf die man heute nicht einmal jetzt noch hören will.
Wir haben zu Beginn der Pressekonferenz überlegt, wir sollten etwas tun. Und ich möchte Ihnen das auch so sagen, damit diese Idee nicht verlorengeht. Wir sollten vielleicht im Anschluß an diese Pressekonferenz so etwas hinterlegen wie, was wir voraussagen, und da alles, was wir voraussagen, für die nächsten paar Jahre festhalten … ist … unternehmen, vielleicht sollten wir dafür sorgen, daß es durchsickert, daß es der eine oder andere in Erfahrung bringt, damit wir in fünf Jahren überprüfen können, was von dieser Rechtschreibreform bleibt, ich behaupte nichts. In dieser Form garantiert nichts. Erstaunlich ist nur, daß es offenbar auch in Deutschland diesen großen Beharrungsgeist gibt, anstatt daß sich die Politiker endlich einmal hinstellen und sagen: Liebe Leute, wir haben uns geirrt, wir haben versagt, es war der falsche Weg. Es wäre überhaupt nichts dabei, ich glaube, die Politik würde schlagartig sehr viel Kredit zurückgewinnen, den Kredit, den sie jetzt wirklich Stück für Stück verliert und weiter verlieren wird, weil diese Reform einfach nicht zu halten ist. Auch wenn sie es noch solange behaupten, jedenfalls in Österreich war es so. Mir hat die Ministerin, Frau Minister Gehrer, Fachministerin, Bildungsministerin in Österreich, im Anschluß an ein Interview bzw. Streitgespräch, das sie mit mir hatte für die Wiener Tageszeitung und den Kurier, offen kurz gesagt, sie sei auch nicht für die Reform, das war 96, aber wenn etwas beschlußreif sei, müsse man es machen. Also sie ist auch nicht für die Reform, aber wenn etwas Beschluß sei, muß man es machen. Das waren die Worte der zuständigen Ministerin. Dieselbe Ministerin steht jetzt da, sagt: Es kann kein Zurück geben, und sagt, aber es wird schon nachgebessert werden müssen. Also, der Politik wäre wirklich zu raten, Farbe zu bekennen und zu sagen, wir haben uns geirrt, es war der falsche Weg, machen wir’s anders, gehen wir zum Ausgangspunkt zurück. Ich hoffe, sie hat die Courage, ich habe immer gedacht, die deutsche Politik könnte diese Courage haben, und von der österreichischen – weil ich Österreichkenner bin – hätte ich das nicht erwartet, also, das heißt, vielleicht werde ich auch hier enttäuscht, ich hoffe nicht.

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Bernhard Schühly
05.10.2004 20.28
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Buchmesse

Wäre es jetzt nicht sinnvoll, mal zu beobachten, wieviele Bücher bzw. Verlage es dieses Jahr auf der Buchmesse gibt, die in der bewährten Schreibung veröffentlichen und den Trend zu vergleichen? Ich meine jetzt abgesehen von Lehrmitteln und Kinderbüchern,wobei letztere ja auch nicht zwingend reformgeschrieben sein müßten.
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Bernhard Schühly

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Matthias Dräger
05.10.2004 19.53
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Pressekonferenz

Unter dem Thema:

„Rechtschreibreform – wohin?“

wird der Rat für deutsche Rechtschreibung auf der Frankfurter Buchmesse eine Pressekonferenz abhalten.

Halle 4.C
Raum Consens
Mittwoch, 6. Oktober, 11.00 Uhr


Teilnehmer:
Friedrich Denk, Theodor Ickler, Hans Krieger, Gerhard Ruiss


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margel
27.09.2004 14.10
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Ohne Moos nix los

Der Geldhahn wird zuerst zugedreht, darin besteht ja der Austritt aus der KMK. Darum auch das Wirksamwerden zum Beginn des nächstmöglichen Haushaltjahres. Möglicherweise arbeiten aber die Damen und Herren allesamt ehrenamtlich im Dienste der guten Sache. Viele haben ein vitales Interesse an diesem Rat. Es sind auch Verleger als Mitglieder vorgesehen, die könnten etwas springen lassen. („Wohltun trägt Zinsen“). Staatsvertrag hin oder her: Jedenfalls gibt es ein von den zuständigen Ministern, also den Länderregierugen unterzeichnetes Abkommen mit einer schönen Kündigungsklausel, die zugleich der eingebaute selbstzündende Sprengsatz ist. Das liegt in der Natur der Sache: Wenn ein Land austritt, gibt es nichts mehr zu koordinieren. Interessant wird es sein, wo die 250 Leute des Sekretariats untergebracht werden. – Chr. Wulff hat etwas ganz Einfaches getan: Er hat sich den Vertrag angesehen und ihn gekündigt. Ein höchst normaler Vorgang. Daß er dabei einigen auf die Füße getreten hat – tant pis. Heimlich werden sich gewiß manche Landesfürsten und ihre Kultusminister die Hände reiben, daß da einer von ihnen den Mut und die Entschlossenheit aufgebracht hat, dieser sich als Staat im Staate gebärdenden KMK mit einem Schlage die wirklichen Machtverhältnisse aufzuzeigen.

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Sigmar Salzburg
27.09.2004 13.00
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Vorsicht !

Der im Juni gegründete freie „Rat für deutsche Rechtschreibung“ müßte nun kräftig in der Öffentlichkeit in Erscheinung treten – sonst könnte sich die Vor-Besetzung des Namens, den sich sicher die Kultusminister vorbehalten wollten, als Rohrkrepierer erweisen.
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Sigmar Salzburg

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Detlef Lindenthal
27.09.2004 10.00
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Gespaltenirre?

Da läuft doch etwas verkehrt:

Wie die Presse berichtet hat, wurde der „Rat für deutsche Rechtschreibung“ von Herren Denk, Dr. Wasmuth, Kunert, Kunze, Enzensberger, Lenz, Reich-Ranicki, Ruiss, Stirnemann, von Bülow, Prof. Ickler und Frau Jelinek (also ausgemachten Rechtschreibschützern, d.h. „Reform“-Gegnern) gegründet bzw. unterstützt – wie kann es sein, daß ebendieser Rat sich von Frau Ahnen (einer Beamtin, die geschworen hat, Schaden von der Sprache zu wenden) ein „Wir-wissen-gar-nicht-wer-wir-sind“-Problem bereiten läßt?

Wie kann dieser Rat bedauern, daß Frau Ahnen auch noch einige Duden-Leute, Rechtschreibspalter und „Reform“-Funktionäre unterbringen will – die Rechtschreibschützer haben doch nicht etwa Angst vor einer Debatte? Viel Bürgermut und Verteidigungseifer läßt dieser Rat noch nicht erkennen.
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Detlef Lindenthal

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Karsten Bolz
27.09.2004 09.47
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Re: Nachlaßverweser

Zitat:
Ursprünglich eingetragen von margel
... Da erhebt sich die Frage, was dann aus dem verwaisten Rat werden soll. Ohne den Auftraggeber kein Auftragnehmer und kein Auftrag mehr...

Genau diese Frage habe ich mir vor einer Sekunde auch gestellt. Da mit der Auflösung der KMK schließlich auch der Geldhahn geschlossen sein dürfte, stellt sich mir zusätzlich die einfache Frage, wer den Laden „Rat für...“ dann noch bezahlt.
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Karsten Bolz

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margel
27.09.2004 09.32
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Nachlaßverweser

Unverdrossen bastelt die KMK, den Endsieg fest im Blick, an ihrer Wunderwaffe Rat für deutsche Rechtschreibung.(Da ein Verein dieses Namens bereits existiert, sind noch pikante rechtliche Auseinandersetzungen zu erwarten). Ich hatte in der Namensliste die Kritiker vergeblich gesucht, bis mir, Prof. Ickler sei Dank, ein Licht aufging.- Nun wird es ja die KMK demnächst nicht mehr geben. Da erhebt sich die Frage, was dann aus dem verwaisten Rat werden soll. Ohne den Auftraggeber kein Auftragnehmer und kein Auftrag mehr. Da die KMK rechtlich ein „Nullum“ ist, kann es auch keinen Rechtsnachfolger geben, der in deren Rechte und Pflichte eintreten könnte. Es wird interessant sein, zu sehen, wer in diesen Geisterzug einsteigt.- Frau Ahnen hat die Weichen jedenfalls schon eindeutig gestellt:
1. Arbeit auf der Grundlage des amtlichen Regelwerks.

2. Von den Vorschlägen des Rates abweichende Beschlüsse der staatlichen Organe (dh. der Kultusminister der Länder) nur nach vorheriger erneuter Beratung mit dem Rat.

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Karsten Bolz
27.09.2004 09.08
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Rat für deutsche Rechtschreibung

Pressemitteilung der KMK vom 27.09.04

Präsidium der Kultusministerkonferenz legt Entwurf für einen international besetzten „Rat für deutsche Rechtschreibung“ vor

Ein international besetzter „Rat für deutsche Rechtschreibung“ soll künftig den Schriftgebrauch der deutschen Sprache beobachten und Vorschläge zur Weiterentwicklung der Rechtschreibung erarbeiten.

Das Präsidium der Kultusministerkonferenz schlägt vor, zu diesem Zweck ein hochrangiges Gremium mit Mitgliedern aus Deutschland, Österreich und der Schweiz einzurichten. Der mit zuständigen Stellen in Österreich und in der Schweiz bereits vorbesprochene Entwurf des Präsidiums soll bei der nächsten Plenarsitzung der Kultusministerkonferenz am 14. und 15. Oktober im saarländischen Mettlach offiziell zur Beschlussfassung vorgelegt werden.

Die Präsidentin der Kultusministerkonferenz, die rheinland-pfälzische Bildungsministerin Doris Ahnen, unterstrich: „Der neue Rat für deutsche Rechtschreibung soll die Aufgabe haben, die Einheitlichkeit der Rechtschreibung im deutschen Sprachraum zu bewahren. Er soll die Entwicklung der Schreibpraxis beobachten und die Rechtschreibung auf der Grundlage des orthografischen Regelwerks im notwendigen Umfang weiterentwickeln. Seine Vorschläge sollen durch Beschluss der zuständigen staatlichen Stellen für die Schulen und Verwaltungen verbindlich werden.“

Der Rat soll die wichtigsten Gruppen aus Wissenschaft und Praxis repräsentieren, die sich mit Fragen der Orthografie beschäftigen oder über besondere Erfahrungen mit der Schreibpraxis und der Anwendung von Schreibregeln verfügen. Nach den Vorstellungen des Präsidiums der Kultusministerkonferenz sollen dem Gremium von deutscher Seite 18 Mitglieder angehören. Neben fachlich ausgewiesenen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern ist die gleichberechtigte Mitgliedschaft von Vertreterinnen und Vertretern aus dem Verlagswesen, der Zeitungs- und Zeitschriftenverlage, aus dem pädagogischen sowie aus dem journalistischen und schriftstellerischen Bereich vorgesehen. Die Auswahl der vorgeschlagenen Institutionen (s. Anlage) macht deutlich, wie wichtig es der Kultusministerkonferenz ist, möglichst viel Kompetenz und möglichst viele Sichtweisen einzubinden. In dem Rat haben ausdrücklich auch Kritikerinnen und Kritiker der reformierten Rechtschreibung einen Platz.

Die Einsetzung eines Rates für deutsche Rechtschreibung war bereits Bestandteil des Beschlusses der Kultusministerkonferenz vom 03./04.06.2004 zu den Berichten der Zwischenstaatlichen Kommission für deutsche Rechtschreibung und zum Ablauf der Übergangsfrist, um gleichzeitig ein für die Zukunft akzeptiertes Verfahren zur kontinuierlichen Fortschreibung festzulegen.

Zwischenzeitlich liegen auch aus Österreich und der Schweiz positive Signale zur Einrichtung eines solchen Rates für deutsche Rechtschreibung vor. Die beiden Länder würden nach dem Vorschlag je 9 Vertreterinnen und Vertreter entsenden.

Die Präsidentin der Kultusministerkonferenz zeigte sich zuversichtlich, dass es mit diesem Konzept gelingen könne, die Diskussion um die Rechtschreibung weiter zu versachlichen: „Wenn alle Beteiligten ihre Kompetenz einbringen, können hoffentlich in der Zukunft polarisierte Auseinandersetzungen und Verunsicherungen vermieden werden.“

Nach Beschlussfassung in der Kultusministerkonferenz und formeller Abstimmung mit der Bundesregierung sowie den zuständigen Stellen in Österreich und der Schweiz soll der Rat für deutsche Rechtschreibung seine Arbeit aufnehmen. Für den Vorsitz soll nach dem Vorschlag „eine ausgewiesene Persönlichkeit des öffentlichen Lebens mit besonderen Bezügen zum Aufgabenfeld des Rates“ gewonnen werden.

Der Rat für deutsche Rechtschreibung soll, bevor er Vorschläge zur Änderung des Regelwerks vorlegt, Vertreterinnen und Vertretern aus den Schulen, insbesondere aus den Lehrer- und Elternvertretungen, sowie den für die Verwaltungssprache zuständigen Behörden Gelegenheit zur Stellungnahme geben. In gleicher Weise sollen Vertreterinnen und Vertreter solcher Einrichtungen angehört werden, die auf Grund ihres Umgangs mit Sprache und Rechtschreibung deren Fortentwicklung beurteilen können oder aber voraussichtlich an der Umsetzung der Beschlüsse des Rats beteiligt sein werden.

Der Rat soll den zuständigen staatlichen Stellen in Deutschland, Österreich und der Schweiz in der Regel alle fünf Jahre einen Bericht erstatten. Den Zeitpunkt seines ersten Berichts soll der Rat selbst festlegen; der Termin soll jedoch deutlich vor Ablauf der ersten Fünf-Jahres-Frist liegen. Dieser zeitliche Ablauf macht deutlich, dass auch die kontrovers diskutierten Punkte in einem geregelten Verfahren aufgegriffen werden können.

Die Bedeutung des Rates wird dadurch unterstrichen, dass Beschlüsse der zuständigen staatlichen Stellen, die von den Vorschlägen des Rates abweichen, nur nach erneuter Beratung mit dem Rat möglich sein sollen.

„Gemeinsam mit meinen Kolleginnen und Kollegen im Präsidium bin ich mir bewusst, dass der neue Rat für deutsche Rechtschreibung eine schwierige und sehr verantwortungsvolle Aufgabe haben wird. Ich appelliere daher an alle, dieses Angebot aufzugreifen, das hohe Kompetenz, vielfältige Erfahrungshintergründe und unterschiedliche Sichtweisen in einem Rat zusammenbringt“, so die Präsidentin der Kultusministerkonferenz, Doris Ahnen.


Anlage
Als Mitglieder von deutscher Seite schlägt das KMK-Präsidium vor:

Institut für deutsche Sprache (2 Sitze)
Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung (2 Sitze)
Duden-Verlag (1 Sitz)
Wissen Media Verlag/Bertelsmann-Wörterbuch (1 Sitz)
Gesellschaft für deutsche Sprache (1 Sitz)
Union der deutschen Akademien der Wissenschaften (1 Sitz)
Börsenverein des deutschen Buchhandels (1 Sitz)
VdS Bildungsmedien (1 Sitz)
Deutscher Journalistenverband/Deutsche Journalistenunion (1 Sitz)
Arbeitsgemeinschaft der deutschsprachigen Nachrichtenagenturen (1 Sitz)
Bundesverband deutscher Zeitungsverleger (BDZV) (1 Sitz)
Verband deutscher Zeitschriftenverleger e.V. (1 Sitz)
PEN-Zentrum Deutschland (1 Sitz)
Fachverband Deutsch im Deutschen Germanistenverband (1 Sitz)
Symposium Deutschdidaktik (1 Sitz)
Lehrerinnen- und Lehrerverbände in DGB und DBB (1 Sitz)

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Karsten Bolz

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Theodor Ickler
27.09.2004 08.14
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Was ist vom „Rat für deutsche Rechtschreibung“ zu erwarten? (Neufassung von "Die üblichen Verdächtigen")


Nach dem Internationalen Arbeitskreis, der Zwischenstaatlichen Kommission und dem Beirat für deutsche Rechtschreibung ist der „Rat“ das vierte Gremium, das sich mit demselben Gegenstand befassen soll: der Durchsetzung einer Rechtschreibreform gegen den Willen der Bevölkerung und fast aller Schriftsteller und Intellektuellen. Die Ministerpräsidenten und Kultusminister versprechen dem widerspenstigen Volk, daß dieses Gremium die Steine des Anstoßes beseitigen und eine allseits akzeptierbare Lösung der von ihnen selbst verursachten Krise finden werde. Was berechtigt zu solcher Erwartung?
„Als Mitglieder von deutscher Seite schlägt das KMK-Präsidium vor:
Institut für deutsche Sprache (2 Sitze)
Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung (2 Sitze)
Duden-Verlag (1 Sitz)
Wissen Media Verlag/Bertelsmann-Wörterbuch (1 Sitz)
Gesellschaft für deutsche Sprache (1 Sitz)
Union der deutschen Akademien der Wissenschaften (1 Sitz)
Börsenverein des deutschen Buchhandels (1 Sitz)
VdS Bildungsmedien (1 Sitz)
Deutscher Journalistenverband/Deutsche Journalistenunion (1 Sitz)
Arbeitsgemeinschaft der deutschsprachigen Nachrichtenagenturen (1 Sitz)
Bundesverband deutscher Zeitungsverleger (BDZV) (1 Sitz)
Verband deutscher Zeitschriftenverleger e.V. (1 Sitz)
PEN-Zentrum Deutschland (1 Sitz)
Fachverband Deutsch im Deutschen Germanistenverband (1 Sitz)
Symposium Deutschdidaktik (1 Sitz)
Lehrerinnen- und Lehrerverbände in DGB und DBB (1 Sitz)“

(Quelle: http://www.kmk.org 27.9.2004)


Hier ist zum Vergleich die Besetzung des bisherigen „Beirats“:

P.E.N.-Zentrum Bundesrepublik Deutschland
Verband deutscher Schriftsteller in der IG Medien
Deutscher Journalistenverband
Bundesverband deutscher Zeitungsverleger e.V.
Verband deutscher Zeitschriftenverleger e.V.
Arbeitsgemeinschaft der deutschsprachigen Nachrichtenagenturen
Börsenverein des Deutschen Buchhandels
VdS Bildungsmedien e.V.
Bundeselternrat
Deutscher Gewerkschaftsbund – Lehrerorganisationen
Deutscher Beamtenbund – Lehrerorganisationen
Deutsches Institut für Normung
Dudenredaktion
Bertelsmann-Lexikonverlag
Wahrig-Wörterbuchredaktion
Verband der Freien Lektorinnen und Lektoren e.V.

Der neue „Rat“ besteht, wie man sieht, im wesentlichen aus denselben Mitgliedern wie der bisherige „Beirat“ bzw. die Zwischenstaatliche Kommission. Ausgeschieden sind einige Vertreter, die auch bisher schon als mehr oder weniger stumme Gäste dabeisaßen wie das Deutsche Institut für Normung oder der Verband der Freien Lektorinnen und Lektoren e.V. Den Bundeselternrat rechnet der VdS Bildungsmedien (d. h. der Verband der Schulbuchverleger) ohnehin zu seiner „Verbändeallianz“, vgl. meinen Beitrag „Die Schulbuchverleger und die Rechtschreibreform“. Wahrig ist inzwischen eine Bertelsmann-Marke, so daß auf Renate Wahrig-Burfeind verzichtet werden kann.

Der „Beirat“ war bereits nach den Wünschen der Zwischenstaatlichen Kommission zusammengestellt, die er beraten oder beaufsichtigen sollte.

„Der Zwischenstaatlichen Kommission für deutsche Rechtschreibung wurde 2000 ein Beirat zugeordnet. Dieser Beirat begleitet die Arbeit der Kommission, die sich bis 2005, das heißt bis zur endgültigen Fassung des neuen Regelwerkes, weiter mit der Rechtschreibreform befasst. Den Mitgliedern des Beirats obliegt es, vor dem Hintergrund der Umsetzung der neuen Rechtschreibung als notwendig bzw. wünschenswert erachtete Korrekturen an der Reform vorzubringen und zu diskutieren. Die Mitglieder des Beirats wurden von der Zwischenstaatlichen Kommission für deutsche Rechtschreibung der Kultusministerkonferenz der Länder vorgeschlagen, die ihrerseits über die Zusammensetzung des Beirats zu entscheiden hatte. Dieser Entscheidung musste im Weiteren die Bundesregierung zustimmen.“ (Verband der freien Lektorinnen und Lektoren, Internet)
Die Kommission selbst wiederum war aus der Gruppe der Reformer hervorgegangen und nach ihren Wünschen zusammengesetzt, wie ihr ehemaliges Mitglied Horst H. Munske bestätigt:

„Als elementaren Fehler erkennt man nachträglich, daß die KMK keinerlei Einfluß auf die Zusammensetzung der Mannheimer Rechtschreibkommission genommen hat.“ (Horst H. Munske: Verfehlte Kulturpolitik. In: Kunst und Kultur 1998)
Der Beirat ist im Laufe der Jahre nur zweimal zu Arbeitssitzungen zusammengetreten, um den dritten und vierten Bericht durchzuwinken; einige Mitglieder sind gar nicht erst erschienen oder haben nur schriftliche Stellungnahmen eingereicht, die aber von dem Gremium nicht berücksichtigt wurden. Es gab – nach persönlicher Auskunft mehrerer Mitglieder – auch durchaus Streit, aber in der abschließenden Stellungnahme zu den Berichten ist davon keine Spur mehr zu entdecken.

Seinen Sitz hat der Rat am Institut für deutsche Sprache in Mannheim, dem bisherigen Zentrum der Reformpropaganda. Er hat die Aufgabe, die Durchsetzung der Rechtschreibreform zu begleiten, und zwar so, wie sie von der Kultusministerkonferenz beschlossen ist. Dabei darf er auch kritische Bemerkungen äußern, die jedoch nichts am eigentlichen Auftrag ändern werden. Eine Rücknahme der Reform kommt ausdrücklich nicht in Betracht. Der Inhalt der im Fünf-Jahres-Rhythmus zu erstellenden Berichte ist also vorhersagbar.

Wer könnte bereit sein, in einem solchen Gremium mitzuwirken?

Den Kern bilden selbstverständlich die Schulbuch- und Wörterbuchverlage, also die wirtschaftlich an der weiteren Durchsetzung der Reform besonders Interessierten. Sie beherrschten schon den bisherigen „Beirat“, was andere Mitglieder in ängstlich-vertraulichen Mitteilungen beklagten. Der Dudenverlag hat die jüngsten Änderungsbeschlüsse der KMK bereits in einem Ende August 2004 erschienenen neuen Rechtschreibduden umgesetzt; Bertelsmann hat für den Mai 2005 ein neues Rechtschreibwörterbuch angekündigt. Beide Unternehmen sind schon aus diesem Grunde an einer weiteren Durchsetzung der Reform in ihrer aktuellen Version interessiert.

Die Schulbuchverleger werden übrigens wiederum durch Michael Banse (Klett Leipzig) vertreten sein, der schon im bisherigen Beirat für deutsche Rechtschreibung saß, vgl. den Jahresbericht des VdS-Vorsitzenden von 2001:

„Unser Verband wurde Ende 2000 in den Beirat zur Zwischenstaatlichen Kommission berufen, Herr Banse vertritt dort unsere Interessen und wacht darüber, dass uns allen nichts Unangenehmes passiert.“
Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung wird mit zwei Sitzen geködert. Zwei Sitze bekommt aber auch das Institut für deutsche Sprache (IDS). Akademie und IDS vertreten offenbar die Sprachwissenschaft. Das IDS hat sich auf Betreiben seines damaligen Direktors Gerhard Stickel jahrelang als Zentrale der Reformpropaganda betätigt und sich beispielsweise in seiner Stellungnahme für das Bundesverfassungsgericht zu Behauptung verstiegen, die Richtigkeit der Schreibweisen sei allenfalls mit der von Postleitzahlen zu vergleichen. Es kommt also für eine ernsthafte Auseinandersetzung über orthographische Fragen nicht in Betracht, auch wenn alle seine Veröffentlichungen zwangsweise auf (fehlerhafte) Reformschreibung umgestellt sind.

Die Akademie hat inzwischen ihre Teilnahme abgesagt, jedoch Bedingungen gestellt, über die sich verhandeln läßt. Sie kann sich ihrer Alibirolle schwer verweigern, weil sie ihr Pulver allzu früh verschossen hat, bot sie doch auf Betreiben ihres damals neuen Mitglieds Peter Eisenberg (Duden- und Schulbuchautor und zeitweise Mitglied der Zwischenstaatlichen Kommission) ungefragt einen „Kompromiß“ an, als dies noch gar nicht nötig war. Während die großen Zeitungen des Springer-Verlags, die FAZ, die Schweizer Monatshefte und andere Publikationen längst die beste Lösung, also die schlichte Rückkehr zur bewährten Orthographie, vorführen, preist die Akademie immer noch ihre „zweitbeste“ an, einen derart faulen Kompromiß, daß die Zwischenstaatliche Kommission mit Recht jede Diskussion darüber ablehnte. In der KMK jedenfalls ist, wie vertrauliche Mitteilungen zeigen, die Hoffnung auf Mitwirkung der Akademie noch nicht aufgegeben. Doch selbst wenn die Akademie ihre zaghafte Kritik vortragen sollte, wird sie durch das IDS sofort neutralisiert.

Die Gesellschaft für deutsche Sprache, von ihrem äußerst autoritär auftretenden Vorstand auf Reformkurs getrimmt, könnte durch ihren Vorsitzenden Hoberg vertreten werden, der bereits in der Zwischenstaatlichen Kommission saß. Vielleicht wird aber gerade deshalb die Geschäftsführerin Eichhoff-Cyrus seine Stelle einnehmen. Zur bisherigen Befassung dieses Vereins mit der Rechtschreibreform gebe ich zunächst einen Abschnitt aus meinem Buch „Regelungsgewalt“ wieder:

„Während der Mitgliederversammlung am 10. Mai 1998 in Wiesbaden beantragte ich, folgendes zu erklären:
'Die Gesellschaft für deutsche Sprache sieht sich zur Zeit außerstande, ein Votum zur Neuregelung der deutschen Rechtschreibung in der Fassung von 1996 abzugeben, da unter den Mitgliedern keine eindeutige Meinung zu diesem Gegenstand festgestellt worden ist.'“
(Damit wollte ich verhindern, daß der Vorsitzende wenige Tage später vor derm Bundesverfassungsgericht die Rechtschreibreform im Namen der GfdS guthieß.)
„Der Antrag wurde mehrheitlich abgelehnt, ebenso wie zuvor der Antrag von Hildegard Krämer auf eine Mitgliederbefragung zur Reform; doch kam es während der Aussprache zu einer unschönen Szene. Die wissenschaftlichen Mitarbeiter, vertreten durch Helmut Walther (Schriftleiter des „Sprachdienstes“), Gerhard Müller (Schriftleiter der „Muttersprache“) und Uwe Förster, erklärten übereinstimmend, sie hätte in zwei Jahren tagtäglicher Sprachberatung mit der Neuregelung die Einsicht gewonnen, daß die Rechtschreibreform nichts tauge. Daraufhin wurden sie vom Vorstand (Vorsitzer Günther Pflug, Vorstandsmitglied Rudolf Hoberg, Geschäftsführerin Karin Frank-Cyrus) lautstark niedergemacht, ließen sich aber nicht einschüchtern. Bezeichnenderweise gaben sie auf die Frage, warum sie das nicht eher gesagt hätten, die Antwort, sie seien nie gefragt worden – was ein Licht auf das Betriebsklima in der Wiesbadener Geschäftsstelle warf, das besonders durch die Geschäftsführerin nachhaltig gestört sein soll und seither sicher nicht besser geworden ist.“
Dieser Bericht wird bestätigt durch einen weiteren Zeugen, Prof. Horst Dieter Schlosser (Frankfurt):
„Wie Ihnen vielleicht bekannt ist, hat sich Herr Prof. Pflug in Sachen Rechtschreibreform bei seiner Anhörung vor dem Bundesverfassungsgericht schlicht wahrheitswidrig vehalten, wenn er dabei erklärt hat, die GfdS habe in ihrer Sprachberatung mit den neuen Regeln nur gute Erfahrungen gemacht. Das Gegenteil war nämlich der Fall. Denn es hat auf der Mitgliederversammlung der GfdS 1998 gerade deswegen heftige Auseinandersetzungen gegeben. Die Sprachberater erklärten auf dieser Versammlung in öffentlicher Sitzung, sie seien bisher von niemandem aus dem Vorstand oder der Geschäftsführung nach ihren Erfahrungen mit den neuen Regeln befragt worden; tatsächlich seien sie aber gerade auf Grund ihrer Erfahrungen in der Sprachberatung von anfänglichen Befürwortern der Reform zu Kritikern geworden. Eine positive Stellungnahme der GfdS entbehre also jeder Grundlage. Vorstand und Geschäftsführung reagierten auf diese Erklärung äußerst gereizt und beschimpften die Sprachberater in aller Öffentlichkeit wegen dieser politisch offenbar unerwünschten Äußerungen. Unter der Hand konnte man später erfahren, dass die Sprachberater danach in dieser Frage ein regelrechtes Redeverbot erhielten. Damals habe ich mir ernsthaft überlegt, ob ich nicht wie andere die GfdS verlassen soll.“ (Horst Dieter Schlosser in einem Brief an Silke Wiechers vom 10.6.2003, abgedruckt in dies.: Die Gesellschaft für deutsche Sprache. Frankfurt 2004, S. 327)

Silke Wiechers, die selbst zeitweise Mitarbeiterin der GfdS war, bemerkt abschließend:

„Mit dem Wissen um ein derart autoritäres und antidemokratisches Vorgehen, bei dem die Erfahrungen der Sprachberatung im eigenen Haus bewußt nicht einbezogen wurden, kann der GfdS unter dieser Leitung Glaubwürdigkeit und Kompetenz zum Thema 'Rechtschreibreform' kaum noch zugebiligt werden.“ (ebd.)

Kritische Alibistimmen sind für die Union der deutschen Akademien der Wissenschaften und für das PEN-Zentrum Deutschland vorgesehen. Die Akademien haben sich bereits geschlossen für eine Rücknahme der Reform eingesetzt, werden aber problemlos überstimmt werden und brauchen an den Scheinverhandlungen eigentlich gar nicht erst teilzunehmen. Für das PEN-Zentrum gilt dasselbe; es hat sich in einer Resolution gegen die Rechtschreibreform ausgesprochen, zuvor im „Beirat“ allerdings die Entscheidungen der schlagkräftigen Mehrheit mitgetragen. Beide Institutionen haben inzwischen erklärt, daß sie nicht mitmachen wollen.

Die Lehrerverbände im DGB könnten weiterhin durch Reinhard Mayer vertreten werden, über dessen private Geschäfte mit der Rechtschreibreform ich in meinem Buch „Rechtschreibreform in der Sackgasse“ berichtet habe. Den Beamtenbund vertritt wie bisher Ludwig Eckinger, der im Beirat saß und seine Übereinstimmung mit den Kultusministern oft genug zu Protokoll gegeben hat. Vom „Symposion Deutschdidaktik e.V.“, das seine gleichmütige Hinnahme der Rechtschreibreform erst kürzlich bestätigte (vgl. FAZ vom 12.10.2004, Leserbriefe), sind Einwände so wenig zu erwarten wie von den Lehrern im Germanistenverband (nur diese sind eingeladen, nicht die Hochschulgermanisten). Das „Symposion“ zählt übrigens die führenden Rechtschreibreformer Augst und Sitta zu seinen früheren Vorsitzenden; Sitta hat für das Symposion ein Gutachten über sein eigenes Reformwerk verfaßt, das denn auch erwartungsgemäß ausfiel. Näheres unter http://www.symposion-deutschdidaktik.de.

Die Regierungen der Schweiz und Österreichs werden dafür sorgen, daß ihre Vertreter, wie schon bisher, keine Schwierigkeiten machen. Wahrscheinlich sind ihre bisherigen Mitglieder aus der Zwischenstaatlichen Kommission wieder dabei – fast alle waren als Dudenautoren bzw. im Rahmen des Österreichischen Wörterbuchs auch im Wörterbuchgeschäft tätig.

Wirkliche Reformgegner sind im „Rat“ nicht vertreten, und dessen Auftrag, wie von KMK-Präsidentin Ahnen formuliert („auf der Grundlage des orthografischen Regelwerks“), läßt den schlichten Rückkehrgedanken auch gar nicht zu.

Der Zwischenstaatlichen Kommission war von den Politikern eine unerfüllbare Aufgabe zugewiesen worden:

„Die Zwischenstaatliche Kommission, die im Zuge der Neuregelung eingerichtet wurde, sollte im Grunde die Funktion übernehmen, die zuvor von der Dudenredaktion wahrgenommen wurde.“ (Beschlußvorlage der KMK für die Amtschefskommission vom 14.1.2004).
Die Aufgabe der Dudenredaktion besteht bekanntlich in erster Linie darin, Wörterbücher zu machen. Der „Rat“ soll nun die Zwischenstaatliche Kommission ablösen und ersetzen, also wohl ebenfalls die Rolle der Dudenredaktion ausfüllen. Daß ein 36köpfiges ehrenamtlich tätiges Gremium, das ganz überwiegend aus lexikographischen Laien besteht, die deutschsprachige Welt mit einem brauchbaren Wörterbuch versehen könnte, ist eine abenteuerliche Vorstellung.

Der „Rat“ wird also genau das tun, was die KMK anstrebt: alle fünf Jahre über die „problemlose“ Durchsetzung und phänomenale Akzeptanz der Reformschreibung berichten.




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Th. Ickler

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