Omüll

Bertelsmann: Die deutsche Rechtschreibung. Verfasst von Ursula Hermann, völlig neu bearbeitet und erweitert von Prof. Dr. Lutz Götze mit einem Geleitwort von Dr. Klaus Heller. Bertelsmann Lexikon Verlag. Gütersloh 1999. 29,80 DM

von Theodor Ickler

Dieses Buch hat eine Vorgeschichte. Am 1. Juli 1996 wurde in Wien die Absichtserklärung zur Rechtschreibreform unterzeichnet, und schon einen Tag später lag „Die neue deutsche Rechtschreibung“ von Bertelsmann in den Buchläden. Sie wurde von einem lexikographisch unerfahrenen Bearbeiter verantwortet und erwies sich als äußerst fehlerhaft; ihr einziges Verdienst bestand darin, daß in Hunderten von Fällen aus reiner Nachlässigkeit die „alten“, objektiv besseren Schreibweisen stehengeblieben waren. Seither erschienen neun mehr oder weniger veränderte, zum Teil nicht einmal als solche erkennbare Bearbeitungen, die sich immer stärker an den zwar verspäteten, inzwischen aber wieder zum Marktführer aufgerückten reformierten Duden anglichen. Der Verkaufserfolg der ersten Wochen ließ sich jedoch nicht wiederholen, und so verschenkte der Verlag unmittelbar vor dem Erscheinen der zweiten Auflage noch schnell zehntausend Exemplare an die Schüler Schleswig-Holsteins. Die Reformkritiker sahen darin den Versuch, das Ergebnis des Volksentscheids in diesem Bundesland zu unterlaufen, und die Konkurrenz beschwerte sich über die Marktverstopfung durch eine Geschenkaktion, die offenbar nur dem Zweck diente, sich der schwerverkäuflichen Lagerbestände zu entledigen.

Man kann die Wandlungen dieses Wörterbuchs am Schicksal des Wortes wiedersehen verfolgen. Die erste Ausgabe ließ es bei der üblichen Zusammenschreibung. Im Zuge der fortschreitenden Orientierung am Duden wurde auch dessen Fehldeutung der allerdings höchst unklaren amtlichen Regelung übernommen und wieder sehen getrennt geschrieben. Inzwischen ist der Irrtum aufgeklärt, die Neuauflage schreibt es wieder zusammen. Die Fehlschreibung ist aber nun ­ zusammen mit ähnlichen Fällen wie wiedererkennen, wiederfinden und vielen anderen ­ in mehreren Millionen Wörterbüchern dokumentiert, hat sich in zahllose Schul- und Kinderbücher eingeschlichen und läßt sich nicht so leicht aus der Welt schaffen.

Die verordnete Aufspaltung ganz alltäglicher Wörter stellt jeden gewissenhaften Lexikographen vor die Frage, wem er mehr gehorchen will, den Kultusministern oder der Sprache. Als besonders anstößige Einzelheit der Reform wird die Auflösung von sogenannt in so genannt empfunden. Der Bertelsmannbearbeiter drückt sich um die Offenlegung dieser Absurdität, indem er für so genannt ausdrücklich zwei Akzentstellen angibt und als Beispiel nur das unverfängliche Sie wurde seit langem so genannt. Aber darum geht es nicht, sondern um den Verbleib des Adjektivs sogenannt, das in jedem Jahrgang der F. A. Z. mehr als fünftausendmal belegt ist, während man es in vielen neuen Wörterbüchern vergeblich sucht ­ übrigens auch in zweisprachigen, was besonders im Blick auf den Bereich Deutsch als Fremdsprache äußerst schädlich ist.

Zu den bedenklichsten Eingebungen der Reformer gehört das Auseinanderreißen von Wörtern wie aufsehenerregend, zeitraubend, nichtssagend. Die Kritik wies frühzeitig darauf hin, daß die Steigerungsformen durch die Getrenntschreibung ungrammatisch werden: höchst Aufsehen erregend, das bei weitem nichts Sagendste. Die Reformer haben den Einwand nach langem Sträuben anerkannt. Anläßlich der Mannheimer Anhörung im Januar 1998 erklärten sie es für „unumgänglich notwendig“, die Regeln in diesem Sinne zu ändern. Ihre Auftraggeber, die Kultusminister, untersagten die Änderung jedoch, wahrscheinlich auf Drängen der Schulbuchverleger. Trotzdem nehmen sich Duden und nun auch Bertelsmann die Freiheit, das grammatisch Richtige wiedereinzuführen. Das neue Wörterbuch weicht also bewußt von der amtlichen Regelung ab. Nur zum Schein wird weiterhin mit viel Rotdruck gearbeitet, als sei hier etwas neu geregelt, während in Wirklichkeit das Nebeneinander von Aufsehen erregend und aufsehenerregend genau der bisherigen Regelung entspricht. Die Komposita vom Typ eisenverarbeitend, musikliebend sind allerdings noch nicht wiederhergestellt, bis auf die überraschende Ausnahme blutsaugend, das alle anderen neuen Wörterbücher getrennt schreiben.

Manchmal geht der ängstliche Gehorsam gegenüber den deutschen Kultusministern so weit, daß sogar offenkundige Versehen der Reformer sklavisch reproduziert werden. So heißt es anders als im Duden hintenüberkippen, aber vornüber kippen ­ nur weil die Reformer vergessen hatten, auch vornüber in ihre Liste zusammenzuschreibender Partikeln aufzunehmen!

Wie schon in früheren Ausgaben kommt es massenhaft zu Einträgen wie hochgeschätzt > hoch geschätzt, hochempfindlich > hoch empfindlich, wohlbedacht > wohl bedacht, miesmachen > mies machen, jeweils mit einem zusätzlichen Akzent auf dem zweiten Wort. Aber dann handelt es sich gar nicht um dasselbe Wort und folglich nicht um eine Neuschreibung. Ebenso sinnlos ist die Angabe, kennenlernen sei durch kennen lernen (mit zwei Akzenten) zu ersetzen. (Übrigens wollen die Reformer das zusammengeschriebene kennenlernen wieder zulassen, auch dieser Vorschlag wurde von den Kultusministern vorerst zurückgewiesen.) Aus notleidenden Krediten werden Not leidende mit einem völlig sinnlosen zweiten Akzent. Das Wort wiederaufbereiten ist erstmals aufgenommen und sogleich nach dem Vorbild des Reformdudens auseinandergerissen worden; dazu kommt noch ­ doppelter Unverstand ­ ein zweites Betonungszeichen: wieder aufbereiten. Die Betonung gehört zur gesprochenen Sprache, und die kann ja wohl durch eine Rechtschreibreform nicht verändert werden.

schwerbehindert und schwerbeschädigt können überraschenderweise und entgegen den eindeutigen Vorgaben der amtlichen Regelung auch wieder zusammengeschrieben werden, allerdings nur, wenn sie bedeuten „mit einem ärztlichen Attest versehen“. Das bedeuten sie freilich nie; der linkische Hinweis soll vielmehr sagen, daß es sich hier um feste Begriffe handelt, woraus eben die besondere Betonung und Zusammenschreibung folgt. Genau diesen Zusammenhang wollte die amtliche Regelung nicht anerkennen, nun ist er durch ein ähnliches Hintertürchen wieder zur Geltung gekommen wie im „Praxiswörterbuch“ von Duden mit seinen „fachsprachlichen“ Sonderschreibungen (vgl. F. A. Z. vom 14. 12. 1999). Götzes Behauptung, „fachsprachliches“ nichtleitend, nichtrostend sei von neuerdings getrenntem nicht leitend, nicht rostend (mit zwei Akzenten!) zu unterscheiden, hat ebenfalls keine Stütze im amtlichen Regelwerk.

Die Rechtschreibreform hat bekanntlich dazu geführt, daß die Schreibweise ganz alltäglicher Wörter unsicher geworden ist. Wie schreibt man zum Beispiel jetzt wohltuend? Die neuen Wörterbücher schwanken, das vorliegende hat den Eintrag kurzerhand gestrichen! Bei den vieldiskutierten Fällen vom Typ tiefschürfend kann sich das Wörterbuch nicht von den Vorgaben der Reform lösen, es bleibt bei Getrenntschreibung trotz der fatalen Folgen: das bei weitem tief Schürfendste ...

Die unerhört schwierige neue Regel, wonach substantivische Bestandteile in mehrgliedrigen Entlehnungen aus fremden Sprachen groß zu schreiben seien, war in der ersten Ausgabe fast gar nicht beachtet worden; es hieß Tertium comparationis, Pour le mérite wie eh und je. Das ist nun nachgeholt: Tertium Comparationis, Pour le Mérite. Der freundliche Irrtum aller früheren Ausgaben, neben Dolce Vita sei vielleicht auch Dolce vita weiterhin zulässig, ist korrigiert, so daß nun jedermann sieht, wie inkonsequent es ist, die fremden Substantive groß, die Adjektive aber keineswegs klein zu schreiben.

Nach mancherlei Hin und Her werden auch das Hohelied und der Hohepriester so geschrieben, wie die amtliche Neuregelung es fordert: das Hohe Lied, der Hohe Priester, mit der unangenehmen Folge, daß die traditionellen Formen mit unflektiertem Vorderglied (dem Hohe Lied?) überhaupt nicht mehr gebildet werden können!

Die neuen Möglichkeiten der Silbentrennung werden bis zum Absurden ausgeschöpft: Schinda-cker, Buche-cker, Obst-ruktion, O-blate usw. Bertelsmann hat sich lange gesträubt, die Nationalflagge unserer nördlichen Nachbarn ebenso zu mißhandeln wie der neue Duden; nun endlich wird auch hier die Trennung Daneb-rog angeboten, in stolzem Rotdruck. In einem besonderen Kasten lehrt Götze: „Die Abtrennung eines Einzelvokals ist korrekt, da nach Sprechsilben getrennt wird: Berga-horn, Berga-kademie.“ Aber niemand trennt so, am allerwenigsten die Reformer selbst. Ein verantwortungsvoller Deutschlehrer wird seine Schüler darauf hinweisen, daß man nicht Bi-omüll trennen sollte, denn was ist dieser Omüll, den wir nach Bertelsmann in der Otonne sammeln sollen? Die Unterstellung, bei Biomüll, Biotonne seien „für den normalen Schreibenden die einzelnen Bestandteile nicht mehr als solche erkennbar“, ist eine Beleidigung selbst für den simpelsten Zeitgenossen.

Mit der Silbentrennung ­ bisher ein eher unwichtiges, längst dem Computer überlassenes Teilgebiet der Orthographie ­ hat es eine besondere Bewandtnis. Das amtliche Wörterverzeichnis gibt überhaupt keine Trennstellen vor, so daß die Anwendung der neuen Regeln der Phantasie der Lexikographen überlassen blieb. Eine Zeitlang gefiel sich die Bertelsmann-Fraktion unter den Reformern darin, dem Konkurrenten die Unvollständigkeit der angegebenen Trennstellen vorzurechnen. Der hessische Kultusminister Holzapfel persönlich kritisierte den Duden und lobte (freilich mit falschen Beispielen) das Werk seines Parteifreundes Götze wegen der vollständiger angegebenen Trennstellen. Bertelsmannautor und Geleitwortschreiber Klaus Heller, zugleich Geschäftsführer der Rechtschreibkommission, hielt dem Duden vor, die Trennung Hämog-lobin unterschlagen zu haben. Zufällig stand sie damals im Bertelsmann; aus der Neuauflage ist sie verschwunden. So entdeckt der geübte Beobachter manche kleine Komödie zwischen den Zeilen. Hellers salbungsvoll rühmendes Geleitwort ist übrigens unverändert, obwohl es inzwischen einem stark veränderten Werk gilt.

Hieß das Werk zunächst „Die neue deutsche Rechtschreibung“, so wird nun bereits auf dem Einband damit geworben, daß es auch die „alten“, das heißt allgemein üblichen Schreibweisen enthalte. Das ist ein kluger Schachzug, denn es besteht die begründete Erwartung, daß die Reform an ihren inneren Mängeln scheitert und sich die „alte“, immer noch die gesamte seriöse Literatur und Zeitungswelt beherrschende Orthographie als bei weitem sinnvollste bewährt. Das Versprechen, auch die bisherige Rechtschreibung anzugeben, wird allerdings nur teilweise gehalten. Jemandem feind, todfeind, freund sein fehlen zugunsten der sprachwidrigen Neuschreibung Feind sein und so weiter. Dem neuverordneten, wenn auch grammatisch falschen Pleite gehen, Bankrott gehen hätte die herkömmliche Kleinschreibung des Adjektivs vorangestellt werden müssen. Pan-dschab ist entgegen Götzes Vermutung nicht die herkömmliche Trennung. Da der Name, wie richtig angegeben wird, auf die „fünf Ströme“ Bezug nimmt, wurde bisher Pandsch-ab getrennt (pandsch- ,fünf‘ wie in Punsch, trotz Schiller, der in seinem Punschlied „vier Elemente, innig gesellt“ für die Rezeptur des belebenden Getränks hält). Aber wie schon in der ersten Ausgabe hält der Herausgeber es nicht für nötig, sich über die herkömmliche Rechtschreibung genauer zu informieren. So erklären sich zahllose Irrtümer. Es stimmt nicht, daß Kaffeeersatz bisher ohne Bindestrich geschrieben wurde und erst seit der Reform mit einem solchen versehen werden darf. Scharm, scharmant, Nugat sind keineswegs Neuschreibungen, sondern alte dudengängige Eindeutschungsversuche, die sich allerdings nicht durchgesetzt haben. In allen diesen Fällen weiß das Wörterverzeichnis es besser als die Erläuterungen zum Regelwerk. Die Vereindeutigung von Druckerzeugnis (Druck-erzeugnis, Drucker-zeugnis) durch Bindestriche war ein Paradebeispiel der bisherigen Rechtschreibung und ist keine Neuerung, wie Götze behauptet. Sollstärke ist nicht die alte, Soll-Stärke keine neue Schreibweise, sondern es verhält sich gerade umgekehrt. Er ist unser Einziger ist die bisherige Schreibweise; Götze markiert sie durch Rotdruck als neu. nottun ist nicht die bisherige Norm, und die Neuschreibung mit zwei Akzenten (Not tun) verstärkt den Reformunsinn noch.

Immer wieder rühmt der Bearbeiter die „Konsequenz“ der neuen Schreibungen, so auch bei der Fremdworteindeutschung. Aber gerade hier bleibt es bekanntlich bei ganz wenigen Eingriffen. Exposé wird zu Exposee, CrÍpe zu Krepp, aber Abbé, Attaché und viele andere Wörter werden nicht verändert.

In den roten Kästen sind auch krasse Fehler der ersten Auflage stehengeblieben. So heißt es zu selbständig/selbstständig: „Die bisherige Regelung ­ Tilgung des zweiten -st- ­ wird aufgehoben.“ Hier ist nie etwas getilgt worden, sondern selbstständig ist einfach eine etwas jüngere Bildung vom Stamm selbst- anstelle des älteren selb-, und das Ganze hat mit Rechtschreibung überhaupt nichts zu tun. Zur volksetymologisierenden Neuschreibung Zierrat vermerkt Götze im roten Kasten: „Analog zu der Vorrat wird hier zukünftig ein vorausgehendes (!) -r- geschrieben.“

Aus dem Rahmen fallen gelegentliche sprachpflegerische Anwandlungen. „Die neudeutsche Form Das macht keinen Sinn ist ein Anglizismus und nicht korrekt.“ Soll das etwa heißen, daß Anglizismen im Deutschen nicht korrekt sind? Dann können wir einen großen Teil unserer Sprache vergessen.

Im einführenden Teil behauptet der Herausgeber, nicht mehr der Duden, sondern die zwischenstaatliche Kommission sei nunmehr in orthographischen Zweifelsfällen zuständig. Das trifft nicht zu. Verbindlich für Schulen und Behörden ist einzig und allein die amtliche Regelung. Die Kommission ist mit keinerlei Befugnissen ausgestattet, und ihre Beschlüsse können, wie im Februar 1998 geschehen, jederzeit von den Kultusministern beiseite gewischt werden. Die zwei namhaftesten Mitglieder sind gerade deshalb ausgetreten, weil sie nicht länger Hofnarren spielen wollten. Übrigens berät die Kommission stets hinter verschlossenen Türen und gibt die Ergebnisse ihrer Beratungen auch schon lange nicht mehr bekannt. Niemand erfährt also, was sie über die „Zweifelsfälle“ zu sagen hat. Man könnte sie ebensogut auflösen.

Die Neuausgabe macht nicht nur zwei Millionen bereits verkaufte oder verschenkte Wörterbücher zu Altpapier, sondern vermehrt, wie man sieht, das Durcheinander, das die Kultusminister mit ihrer überstürzt eingeführten Rechtschreibreform angerichtet haben. Das wird so lange weitergehen, wie der Staat glaubt, für die Schreibweise des Deutschen zuständig zu sein, während er Grammatik, Semantik und Aussprache sich selbst überläßt. Doch gerade dieses vom Bundesverfassungsgericht bestätigte Relikt des Obrigkeitsstaates und seiner „guten Policey“ führt dazu, daß sachliche Fehlentscheidungen aus politischen Gründen nicht rechtzeitig korrigiert werden. Daher treibt die inhaltlich mißlungene, jedoch mit den nötigen Machtmitteln ausgestattete Rechtschreibreform in immer kürzeren Abständen alternative Vorschläge hervor. Die entscheidende Frage, warum überhaupt reformiert werden muß, ist unterdessen völlig aus dem Blick geraten.