Morgenpost
8.8.2004
Rechtschreibung Das sagen unsere Leser
Angekündigte Rückkehr zur klassischen Schreibweise von Springer Verlag und Spiegel sorgt für Furore
Foto: ddp
Na endlich!! Ein mutiger, ja ein richtungsweisender Schritt in die richtige Richtung. Da schreien Politiker auf, es könne nicht angehen, daß durch Willensbekundungen von Verlagen das Schicksal der Rechtschreibreform beeinflußt wird. Dabei werden uns doch tagtäglich Entscheidungen der Politiker aufoktroyiert, die sich oft genug als Blödsinn erweisen. Haben das die Politiker vergessen? Will man nicht mehr auf des Volkes Stimme hören, hat man sich schon so weit von der Basis entfernt? Liebe Morgenpost, weiter so
Doris Tonke
Zu ihrer Entscheidung, die alten Regeln wieder anzuwenden kann man Sie nur beglückwünschen! Denn diese Reform hat sich keiner gewünscht; geschweige denn, daß sie notwendig war oder ist. Hier wurde wieder einmal über den Kopf des mündigen Bürgers hinweg entschieden. Deutschland hat wohl einige wesentlich wichtigere Dinge zu tun, als die bewährte deutsche Sprache zu reformieren. Einem Arbeitslosen- oder Sozialhilfeempfänger dürfte es schließlich egal sein ob Schiffahrt oder Schifffahrt geschrieben wird. Wenn in Deutschland nicht bald wirkliche, echte, durchdachte und sinnvolle Reformen durchgeführt werden, wird das Schiff Deutschland untergehen.
Michael Klages, Berlin-Staaken
Wir sind in unserem Haus herzlich unglücklich über die Veränderungen. Ständig muss, je nach Buchprojekt, zwischen den diversen Schreibweisen hin- und her gesprungen werden, denn literarische Arbeiten werden anders behandelt als wissenschaftliche. Als Orientierungshilfe wird an unsere Autoren eine eigene abgespeckte Variante der Reform verteilt. Aber es kann doch nicht sein, dass jeder Verlag seine eigenen Merkregeln ausgibt. Die neuen Schreibweisen sind undemokratisch zustande gekommen und laufen dem Sprachgefühl zuwider. Ich schlage die Rücknahme vor, bis auf wenige behutsame Neuerungen.
Christoph Links, Verleger
Wir können nur sagen: Endlich wird man wieder vernünftig. Was hat die Reform nur angerichtet!
Gudrun und Bernd Wolke
Was tun Sie unseren Kindern an? Die Rechtschreibreform ist wie so häufig im Leben ein Kompromiss, den Sie nun einseitig aufkündigen. Ich frage Sie (mit dem von Ihnen zitierten Peer Steinbrück): Haben Sie keine anderen Probleme identifiziert? Deutschland muss seine Volkswirtschaft auf den demografischen Wandel und damit eher auf 2040 vorbereiten, als irgendwelchen Regeln des vergangenen Jahrhunderts nachzutrauern, die sind wir mal ehrlich auch nicht besser sind, oder haben wir sie etwa fehlerlos beherrscht? Woran sollen sich unsere Kinder eigentlich noch orientieren?
Hans Matena
Ich betrachte die Debatte als reine Scheindiskussion im Sommerloch. Es gibt immer Menschen, die die Rechtschreibung beherrschten, und andere, die Fehler machten, daran hat auch die Reform nichts geändert. Man soll das Fass nicht noch einmal aufmachen. Ich selbst schreibe meine Manuskripte in puncto Rechtschreibung wild durcheinander, nur bei einigen Worten bestehe ich auf der herkömmlichen Variante: Spaghetti bleiben Spaghetti.
Thea Dorn, Krimiautorin
Ich würde am liebsten die Rechtschreibreform wieder rückgängig machen bis auf wenige, sinnvolle Veränderungen. Die geltende Reform halte ich für einen Eingriff von Politfunktionären in den gewachsenen Körper der deutschen Sprache, der geradezu empörend ist. Sie ist eine Art Sprachvernichtung, wenn nicht mehr die Herkunft der Worte, zum Beispiel aus dem Griechischen, erkennbar sind. Damit beschleunigen wir die Boulevardisierung der Sprache! Das Zurück zum Status vor der Reform, wie nun von Springer und Spiegel angekündigt, begrüße ich als Sieg der Vernunft.
Gertrud Höhler, Kulturwissenschaftlerin
Jawoll, so isset richtich! Vielen Dank der Berliner Morgenpost und dem Axel-Springer-Verlag für den Vorstoß, diese unsinnige Reform nicht mehr beachten zu wollen!
Thomas Kubaczewski, Berlin-Charlottenburg
Eigentlich wollte ich einen neuen Abonnenten für Ihre Morgenpost werben, nun werde ich jedoch mein eigenes Abo kündigen. Seit sieben Jahren bringe ich Kindern das Lesen und Schreiben in der einfacheren Schreibweise bei, und glauben Sie mir, auch das gelingt nicht bei allen! Allein die Stunden, die dann wieder mit der unlogischen Schreibung der s-Laute vergeudet werden, kann man produktiver verwenden. Außerdem haben wir aus Geldmangel Jahre gebraucht, um die Bücher mit der alten Rechtschreibung peu à peu abzuschaffen. Nun haben wir es endlich geschafft und sind vier Jahre an ein gewähltes Buch gebunden, nun sollen alle wieder neu gedruckt werden? Wer soll das bezahlen?
M. Scholz
Auch ich habe mich von Anfang an geweigert, zehennägelkräuselnde Worte wie Delfin oder Packet zu schreiben. Wenn man als Politiker der deutschen Schriftsprache nicht ausreichend mächtig ist, hält man sich für mächtig genug, eine jahrtausend alte Sprache nach Belieben zu verändern und damit die eigene Schwäche auszumerzen!? Zugegebenermaßen hielt ich die (nach alter Regel) verbotene Trennung von s und t (Ka-sten) sowie die ck-Trennregel für suboptimal, habe mich aber daran gehalten. Kein Land der Welt würde auch nur im geringsten auf die Idee kommen, an seiner Sprache rumzudoktoren. Von denen hört man komischerweise nichts von Schreibschwierigkeiten, aber Deutschland war ja schon immer für kuriose Überraschungen offen.
Christian Prüfling
Es ist sinnlos, zwischen alter und neuer Schreibung immer hin- und herzuschaukeln. Ich fordere die Freiheit, sich selbst entscheiden zu können. Jeder soll sich bedienen, wie er will. Sollen doch alle Blumen blühen! Ich selbst benutze bei meinen Liebesbriefen so selten wie möglich die Leertaste meines Computers, bei journalistischen Arbeiten dagegen trenne ich die Worte, wo immer es nach den neuen Regeln gestattet ist schließlich werden diese Texte nach der Zahl der Anschläge honoriert.
Wladimir Kaminer, Schriftsteller
Als Mutter dreier Kinder im Schulalter bin ich über die Entscheidung der beiden Verlage außerordentlich erleichtert! Diese konkrete Umkehr kommt spät, aber immerhin, und sie wird dazu beitragen, daß die Reform insgesamt zurückgenommen wird. Danke! Nur: Meine drei Kinder mußten seit Jahren das neue Ungetüm lernen, das nicht einmal die Lehrer begriffen. Was wird nun aus den Jugendlichen, die in völliger Konfusion stecken...?
Dörthe Kähler
Ich unterstütze die Rückkehr der Berliner Morgenpost zur alten Rechtschreibung uneingeschränkt!
Andreas Thieme
Für mich ist die Rechtschreibreform so unnötig wie ein Kropf. Das ganze Reformwerk ist alles in allem sinnlos, planlos, nutzlos, lächerlich eben typisch deutsch. Der Aufbau-Verlag ist aber in der glücklichen Lage, die neuen Regeln noch gar nicht angewandt zu haben. Wir werden uns der Mehrheit beugen, allerdings möge dieser Zeitpunkt auf den Sankt Nimmerleinstag verschoben werden. Bis dahin würde ich das Thema gern niedrig hängen und eine Vielfalt der verschiedenen Schreibweisen zulassen.
Bernd F. Lunkewitz, Verleger
Auch wenn Sie es evtl. nicht hören wollen: Ich halte es nicht so wie jene Verlage, die zunächst die neue Rechtschreibung einführten, nun aber zur alten zurückkehren. Glücklicherweise bin ich ein freier Mensch mit freien Entscheidungen und muss das auch gar nicht! Von der alten Rechtschreibung verabschiedete ich mich bereits 1996, weil ich inzwischen gelernt hatte, dass die neue Rechtschreibung vieles positiv geändert hat. Schreibweisen, die früher große Probleme bereiteten (in bezug auf, im voraus), wurden logisch korrigiert. Die Fremdwörter (wie Delphin) darf man weiterhin auch in alter Weise schreiben. Zudem passte sich die neue Rechtschreibung den Schwierigkeiten an, die ein PC hat (z. B. Abtrennen von Zucker, Fenster/Geburtstag, Schiffahrt/Lazaretttrümmer). Dies sind nur einige positive Änderungen, weitere hier zu platzieren (wie Platz logischerweise mit tz), erspare ich Ihnen und mir. Bezüglich der armen Schüler, die nun wieder umlernen müssten, schließe mich voll der Meinung der Kultusministerpräsidentin an. Es war vor Jahren Zeit genug zu meckern, aber da waren viele zu faul, sich mit der Rechtschreibänderung zu befassen.
Christa Grothe, Berlin-Reinickendorf
Ich unterlaufe auf salopp-anarchistische Weise die neuen Regelungen, denn meine eigene Rechtschreibung basiert auf meiner Schulzeit in den sechziger Jahren. Die Neuregelungen stören mich jedoch nicht. Im Übrigen halte ich die Debatte für eine Stellvertreter-Diskussion: In ihr artikuliert sich die allgemeine Sehnsucht nach Reformen.
Torsten Schulz, Schriftsteller
Glückwunsch für all die, die diese Reform nicht anerkennen. All das hat nur eine Menge Geld gekostet, das der Staat nicht hat. Auch Konrad (Duden) würde sich über die Reform der Reform freuen.
Hans Drabeck
Ich habe mich nie in das Korsett verbindlicher Schreibweisen pressen lassen. Bereits vor dieser Reform habe ich an manchem Altmodischen festgehalten, denn der Charakter eines literarischen Textes hängt nicht allein vom Duktus der Sprache, sondern auch von der Schreibweise ab. Der Philosoph Theodor W. Adorno hat einmal die schöne Formulierung gebraucht, dass Gedankenstriche Sorgenfalten auf der Stirn der Texte sind, und das gibt einen Begriff von der inhaltlichen Bedeutung einer scheinbar ganz beiläufigen Zeichengebung. Ich lehne auch jede verbindliche Rechtschreibung von vornherein ab, da mir die äußere Form des Schreibens ein individueller Ausdruck des Schreibenden ist. Luther, Goethe und Nietzsche sind alle von den damals geltenden Schreibweisen zum Teil radikal abgewichen.
Wolf Jobst Siedler, Publizist
Wir begrüßen die Entscheidung der Axel Springer AG und freuen uns darauf, daß wir nun bald wieder die Berliner Morgenpost lesen können, ohne an den gewalttätigen Verdrehungen der rechten Schreibung anzustoßen. Schon hundert Jahre lang beschrieb der Duden die rechte Schreibung und war dabei der nachgehenden Anpassung fähig: Er war immer modern. Auch er schaute dem Volk aufs Maul, wie Luther es beschrieben hatte... Da brauchte es keiner verordneten Reform, die in Hinterzimmern von Bürokraten ersonnen wurde. Bei den Rückzugsgefechten, die die Reformer nun anzetteln, erinnern wir uns an die geradezu diskriminierende Behandlung, die uns zuteil wurde, als wir im Rathaus an der Volksabstimmung gegen die Rechtschreibreform teilnehmen wollten. Den richtigen Ausweg nur die Toleranz. Bei vielen Wörtern geht die Verständlichkeit nicht verloren, wenn man die alte Rechtschreibung beläßt oder/und die neue Rechtschreibung, wo sie denn begründbar war, gestattet. Was passiert denn wirklich, wenn der eine die Flußschiffahrt so schreibt, und der andere anders? Photos und Fotos stehen schon lange nebeneinander, und das PH befindet sich auf dem Rückzug.
Friedrich und Renate Zuther; Berlin-Lichterfelde
Ich bin gegen eine Rückname der Rechtschreibreform. Meiner Meinung hätte es noch weit mehr Reformen geben müssen, aber nun hat man sich daran gewöhnt. Bei früheren Rechtschreibänderungen (z.B. Thor Tor) gab es sicher auch Kritik. Bitte, ändern Sie Ihre Schreibweise n i c h t, sonst sehe ich mich genötigt, das Abo bei Ihnen zu kündigen.
Dorothea Schlosser
Die neuen Regeln verunstalteten die Worte, sie komplizierten, statt zu vereinfachen. Die Debatte um die Reform zeigt, dass die Rechtschreibung in Deutschland ein hohes geistiges Gut ist: Wie wunderbar, dass darüber so leidenschaftlich gestritten wird!
Horst Pillau, Dramatiker
Was für ein Fortschritt! Der Rückschritt zur klassischen Rechtschreibung. Welche Klassik aus welchem Jahrhundert meinen Sie denn? Sollen wir nun Günter Graß schreiben statt Günter Grass?
Christian Wolf, Friedrichshagen
Ich bin ein Anhänger der alten Rechtschreibung und habe nie einsehen können, warum sie überhaupt verändert worden ist. Sprache ist doch wie ein Baum, der wächst, von dem morsche Äste abfallen und neue nachwachsen. Und wie einen mächtigen Baum soll man auch die Sprache in Ruhe gedeihen lassen. Zur Initiative von Springer und Spiegel sage ich nur: Es gibt nichts Gutes, außer man tut es. Mit solch einem Schritt ist bewiesen, dass Veränderungen möglich sind. Alle Verantwortlichen sollten sich nun rasch zusammenraufen, um, bis auf einige zwingende Notfälle, der Reform ein Ende zu bereiten. Die Sache muss jetzt vom Tisch.
Christoph Stölzl, Kultursenator a.D.
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