Der Nordschleswiger
FARUM 25.03.2006
Mehr Hääändi, mehr Plappern bis zum großen Wischiwaschi
Sabine Kirchmeier-Andersen, Farum, plädiert für einen klaren und präzisen Sprachgebrauch
Der Nordschleswiger: Frau Kirchmeier-Andersen, Sie sind in Deutschland geboren, dort und in Dänemark aufgewachsen, beherrschen beide Sprachen und werden zum 1. Mai d. J. die neugeschaffene Stelle der Direktorin des »Dansk Sprognævn« in Kopenhagen übernehmen. Warum erhält der dänische Sprachrat jetzt für die zwölf Mitarbeiter seines Forschungs- und Infomationsinstituts eine Direktorenstelle.
Sabine Kirchmeier-Andersen: Das dänische Kulturministerium will die dänische Sprache stärken.
Der Nordschleswiger: Hat sie das nötig?
Kirchmeier-Andersen: Absolut nötig, weil sie ja – ähnlich wie die deutsche Sprache – vielen verschiedenen Einwirkungen von außen ausgesetzt ist, u. a. sind da der Einfluss des Englischen, aber generell auch die vielen Neubildungen, die in der Sprache stattfinden, beispielsweise unter den Jugendlichen. Die Aufgabe des »Sprognævns« ist es, die Sprachentwicklung zu verfolgen und zu untersuchen, welche Veränderungen da stattfinden, und dafür zu sorgen, dass die dänische Sprache gut und richtig gesprochen wird.
Der Nordschleswiger: Und dass sie erhalten bleibt?
Kirchmeier-Andersen: Da liegt ja die Drohung am Horizont, dass die dänische Sprache leicht verschwinden könnte. Alle 14 Tage verschwindet auf der Welt eine Sprache. Wir wollen das natürlich nicht für Dänisch, sondern sie als eine komplette Sprache in allen Bereichen bewahren.
Der Nordschleswiger: Man hat nicht nur den Eindruck im Dänischen, sondern auch bei der deutschen Sprache – und sogar die Franzosen äußern mit Blick auf ihr Francais Besorgnis –, dass diese Sprachen von dem Englisch, das die US-Amerikaner zu »American« und zur Gossensprache verhunzt haben, unterminiert und kaputt gemacht werden (sollen).
Kirchmeier-Andersen: Es kommt darauf an, in welchen Bereich man guckt. Die US-Gossensprache dringt sehr leicht über die Rap-Musik bei den jungen Menschen ein und macht sich in bestimmten Gruppen breit. Mein Eindruck ist, dass junge Leute diese Sprache zwar aufnehmen und manchmal schreckliche Ausdrücke benutzen, aber doch in der Lage sind zu unterscheiden, wann und wo man sie benutzen darf. Meist erfolgt das mit einer provokativen Intention.
Der Nordschleswiger: Das eine ist die Provokation durch die Jugendsprache mit ihrem eigenen Vokabular, das es schon seit Jahrzehnten gibt ...
Kirchmeier-Andersen: ... und das sich immer wieder ändert und mich eigentlich nicht so sehr besorgt macht, weil es Modephänomene sind. Schwieriger sind aber Bereiche im Geschäftsleben und an den Universitäten, in denen es Situationen gibt, in denen man schon gar nicht mehr auf Dänisch schreibt, sondern nur auf Englisch. Gerade im »Upper Management« wird Englisch sehr gebraucht; viele Firmen haben ja auch Englisch als Konzernsprache ...
Der Nordschleswiger: ... Beispiel: Daimler-Chrysler AG ...
Kirchmeier-Andersen: ... eingeführt. Das ist für mich die echte Gefahr! Wo Dänisch gar nicht mehr gesprochen wird, wird die Vermittlung von Informationen an diejenigen, die kein Englisch beherrschen, wesentlich schwieriger.
Der Nordschleswiger: Ihre Ausführungen hören sich zugleich verdächtig nach Deutschland an! Heute heißt es im Wirtschaftsdeutsch »Ebit«, »Acquisition« und »Shareholder Value« ...
Kirchmeier-Andersen: ... und Cost-Benefit ...
Der Nordschleswiger: ... und Outsourcing, Insourcing und was es alles gibt – ein Vokabular, das sich auch in der täglichen Wirtschaftsberichterstattung zunehmend breit macht und das ein Normalbürger, wenn er kein Wirtschaftsmann mit Fachvokabular-Kenntnissen ist, nicht mehr versteht. Das ist eine große Gefahr!
Kirchmeier-Andersen: Ja, ich finde das sehr, sehr problematisch! Selbst wenn man Englisch beherrscht, denkt man, man könne es. Es gibt aber ganz viele Nuancen und verschiedene andere Verstehensseiten dieser Wörter, die man einfach nicht richtig in den Griff kriegt. Man wird unpräzise! Die Begriffe sind sehr breit und werden nicht ordentlich definiert, wo ein deutscher Ausdruck sehr viel präziser und verständlicher sein würde und den Dialog in der Gesellschaft erleichtern. Bei der Fusion von Firmen sind meist die eigenen Werte in Englisch ausgedrückt ...
Der Nordschleswiger: ... und häufig wischiwaschi benannt.
Kirchmeier-Andersen: Genau – jedenfalls unpräzise.
Der Nordschleswiger: Es gibt weitere negative Beispiele: Bei der Deutschen Bahn »Service Point« statt Auskunft oder Information; die Deutsche Post erstellt Druck und Versand von Massenbriefsendungen in einer »Mail Factory« statt einer Brieffabrik. Bei der Deutschen Telekom heißt es zwar noch Mobiltelefon, im Volk kursiert aber dieses grauenhafte Wort »Handy« – Hääändi, das es auf Englisch nicht einmal gibt.
Kirchmeier-Andersen: »Handy« war für mich stets ein rotes Tuch!
Der Nordschleswiger: Dieses Wort ist infantil!
Kirchmeier-Andersen: Das dürfen Sie mir nicht in den Mund legen, aber ich finde es lächerlich! Es ist auch eine Aufgabe für ein Sprachinstitut zu gucken, welche Worte man für neue Dinge anbieten kann.
Der Nordschleswiger: Ihre Aufgabe als »Sprognævn«-Direktorin?
Kirchmeier-Andersen: Die öffentlichen Instanzen müssen sich bemühen, einschlägige Wörter zu finden. Man muss sich auch mit den Sprachmechanismen auseinander setzen. Ich versuche, seit sechs Jahren in einer Master-Ausbildung Leuten aus der Wirtschaft beizubringen, eine gute Sprache zu schreiben und zu sprechen und parallelsprachliche Dokumente gut zu bearbeiten.
Der Nordschleswiger: Wenn man aus Nordschleswig nach Deutschland blickt, hat man den Eindruck, all dieses sei dort Terra incognita. Immer mehr US-Jargon dringt in die neuhochdeutsche Gegenwartssprache ein, und jeder wurschtelt sprachlich vor sich hin.
Kirchmeier-Andersen: Da sind die skandinavischen Sprachorgane etwas besser. Auch in Schweden und Norwegen gibt es intensive Bestrebungen: Man will, dass vor allem auch öffentliche Instanzen eine klare Sprache sprechen. In Dänemark gibt es als gutes Beispiel ein Projekt: Die staatliche Gerichtsbehörde hat versucht, die juristische Sprache zu sanieren, um klarer mit den Bürgern zu sprechen. Es muss kurz und bündig sein. Ein Computer hat es leichter, sich mit Sprache zu beschäftigen, wenn es einfache und leicht verständliche Sätze sind. Wenn es der Computer verstehen kann, kann es der Mensch auch. Umgekehrt ist das meistens nicht der Fall. Man hat ja als Wissenschaftler und als Direktor oder wo man auch ist, die Tendenz zu sagen, wir müssen möglichst kompliziert sprechen, weil sich das »ganz besonders gut« anhört. Es ist wichtig, dass man sich vor allem in der Forschung, gerade wenn man ihre Resultate vermittelt, klar und deutlich äußert.
Der Nordschleswiger: Mit anderen Worten: In der Wissenschaftsszene wird auch viel geplappert?
Kirchmeier-Andersen: Es wird überall viel geplappert – auch in der Politikerszene, in der ich ja auch ...
Der Nordschleswiger: Da können wir ihnen nicht widersprechen!
Kirchmeier-Andersen: Nein! Klarheit und das Wegstreichen des Überflüssigen – darüber muss man sich Gedanken machen. Und dafür möchte ich gern im dänischen »Sprognævn« arbeiten.
Der Nordschleswiger: Sie plädieren für das Wegstreichen von Überflüssigem. Im Gegensatz dazu hat man sich in Deutschland seit Mitte der 1990er Jahre um Überflüssiges gekümmert: In Fachkreisen weitgehend unbekannte Germanisten aus Deutschland, Österreich und der Schweiz bastelten eine drittklassige Rechtschreibreform zusammen, deren Inhalte derart umstritten waren, dass nach erheblichem Widerstand in vielen Medien und Buchverlagen und unter vielen Schriftstellern eine Überarbeitung erfolgen musste. Der jüngste Beschluss der »Ständigen Konferenz der Kultusminister der Länder in der Bundesrepublik Deutschland«, Bonn, von Anfang März läuft auf eine deutlich abgespeckte Version der Rechtsschreibreform hinaus, die ab 1. August 2006 gelten soll. Die Kultusministerkonferenz hat damit weite Teile des neuen Rechtschreibunsinns von 1998 endlich verworfen.
Kirchmeier-Andersen: Ich habe den Eindruck, dass der Deutsche Sprachrat ...
Der Nordschleswiger: ... in dem Vertreter der Gesellschaft für deutsche Sprache, Wiesbaden, des Goethe-Instituts, München, und des Instituts für Deutsche Sprache, Mannheim, sitzen ...
Kirchmeier-Andersen: ... Aufgaben hat, die sehr gut mit den Aufgaben des »Dansk Sprognævn« harmonieren.
Der Nordschleswiger: Wobei es bei zunehmender Zweisprachigkeit mit Englisch mehr darauf ankommt, die eigene Sprache nicht zu vernachlässigen?
Kirchmeier-Andersen: Genau! Sonst gibt es immer größere Unterschiede zwischen verschiedenen Klassen in der Gesellschaft. Diese Situation will kein Politiker und auch wir nicht
Der Nordschleswiger: Was machen Sie an diesem Wochenende?
Kirchmeier-Andersen: Da werde ich mit meinem Mann in der Eishockeyhalle in Herløv sein, wo mein elfjähriger Sohn versuchen will, sich mit seinem Team in die dänischen Meisterschaften hineinzuspielen.
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