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Historische Trouvaillen
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Sigmar Salzburg
10.01.2019 10.31
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Journal für die reine und angewandte Mathematik

Das Journal für die reine und angewandte Mathematik, kurz Crelles Journal, ist eine der renommiertesten mathematischen Fachzeitschriften. Es wurde 1826 in Berlin gegründet und ist damit das älteste heute noch existierende Periodikum im Bereich der Mathematik. [Wikipedia]



Ein Blick in die ersten Jahrgänge zeigt die damals schon europäisch angelegte Zeitschrift. Die Beiträge wurden auf Latein, Französisch oder Deutsch veröffentlicht. Die Texte sind in Antiqua gedruckt, wobei die deutsche Rechtschreibung Wert auf die Darstellung des ß (in der Form ſs) legte, wie schon in früheren Ausgaben der Literatur. Die Behauptung, daß für die Antiqua 1901/03 erst neue ß-Lettern geschaffen werden mußten, ist Unsinn.

Angenehm ist auch die international gleichbleibende Verwendung des lateinischen „C“ anstelle der eindeutschenden Transkription „K“ und „Z“, deren „Reform“ schon bei Rudolf Virchow keine Gegenliebe fand. Die seltenen, heute antiquiert wirkenden, aber mitunter differenzierenden „th“ anstelle der „t“ („Thau“ gegen „Tau“, Strick) gehörten zum Schmuck des Wortes dazu.

Das Inhaltsverzeichnis des mich gerade interessierenden Bandes 1837 führt u.a. diese Beiträger auf: G. Lejeune Dirichlet (Berlin, frz.), C.G.J. Jacobi (Königsberg in Preuſsen, dt.), E.E.Kummer (Liegnitz, lt.), J.G. Plana (Turin, frz.), J. Steiner (Berlin, dt.)

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Sigmar Salzburg
29.03.2018 20.46
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Ein Kleinschreibfundamentalist von 1946

Wie das Heft „Pandora“ Nr. 4 von 1946 (Aegis Verlag Ulm, 2,50 RM) in meine Hände gekommen ist, weiß ich nicht mehr. Das Schwerpunktthema ist „Sprache und Schrift“. Aus einem Artikel von Franz Thierfelder hatte ich hier früher schon zitiert. Kurz der Inhalt: Einleitend ist einiges aus der „Deutschen Grammatik“ von Jakob Grimm vorangestellt. Danach folgt ein Text eines (wohl nicht unbegründet) anonymen Kleinschreibers und weitere normalschriftliche Beiträge:

(anonym) „kampf um den buchstaben“ (S.5); Dr. Dr. Franz Thierfelder „Schönheit des Schriftbildes“; Dr. Wilhelm Hartnacke „Brauchen wir eine neue Rechtschreibung?; Heinrich Fleissig „Entwicklungsgesetz der Schriftׅ“; Wilhelm Dreecken „Von deutscher Rechtschreibung“; Paul Renner „Schrift und Rechtschreibung“; Prof. F. H. Ehmke „Die deutsche Schrift in Gefahr!“; Prof. Dr. F. C. Roedemeyer „Gesprochenen Sprache“; (anonym) „Wunder und Geheimnis der Sprache“
Hier gebe ich zwei kurze Ausschnitte aus dem ersten langen Artikel des unbekannten Kleinschreibfundamentalisten wieder. Interessant ist, daß er alle Errungenschaften der 1996er-„Reform“ verschmäht, sogar die Heyse-ß/ss-Regelung. Die waren also eher ein notdürftiger Ersatz für den mißlungenen Kleinschreibputsch, um die Notwendigkeit umfassender „Reformen“ vorzugaukeln:
der kampf um den buchstaben

mich schmerzt es tief, daß kein volk unter allen, die mir bekannt sind, seine sprache so barbarisch schreibt wie das deutsche.
jacob grimm.

überall in deutschland ist die erörterung über die zweckmäßigkeit einer reform der deutschen rechtschreibung im gange, wobei es sich in der hauptsache um die frage der verbindlichen einführung der kleinen anfangsbuchstaben handelt. begreiflicherweise hat diese in den kreisen der wissenschaft und der lehrerschaft lautgewordene diskussion sehr schnell auch die aufmerksamkeit der laien erregt, denn die schrift ist ja ein „gebrauchsgegenstand“, mit dem wir alle tagtäglich umgehen. es ist andererseits auch begreiflich, daß so mancher diese gute gelegenheit, seinen witz zu üben, nicht unbenutzt vorübergehen ließ. man rief die Erinnerung an den naturapostel gustav nagel wach, und es lag nahe, die von ihm propagierte kleinschreibung unter dem gleichen Gesichtspunkt zu betrachten wie seine zahlreichen sonstigen eigenbrötlerischen narreteien. auch hat man mit überlegenem achselzucken die frage gestellt, ob wir denn heutzutage keine anderen sorgen hätten als die erörterung von fragen der deutschen rechtschreibung. [1946!]

freilich haben wir größere und vordringlichere sorgen als einen solchen kampf um den buchstaben. aber wer wollte behaupten, daß es deshalb nun notwendig sei, die pflege der güter des geistes und der kultur zurücktreten zu lassen? und wer wollte daran zweifeln, daß zu diesen gütern auch unsere muttersprache zählt? es wird ja nicht verlangt oder erwartet, daß sich nun jeder deutsche mit den grammatischen fragen der sprache beschäftigen soll. im gegenteil! so erfreulich nämlich an sich die ausweitung der aussprache ist, so scheint es doch manchmal, als ob sich allzu viele in dieses gespräch mischen, für dessen ernsthafte erörterung denn doch einige sachkenntnis die unerläßliche voraussetzung ist.

durchaus verfehlt ist jedenfalls der versuch, mit dem hinweis auf gustav nagel die untersuchung auf diesem teilgebiet sprachlicher gestaltungsform in das lächerliche und abstruse zu ziehen. aber kann die tatsache, daß sich auch narren mit einem problem beschäftigen, die ernsthaftigkeit dieses problems in frage stellen? auch tut man jenem einsiedler am arendsee in der altmark wirklich zu viel ehre an, wenn man ihn als den „erfinder“ der kleinschreibung der anfangsbuchstaben der hauptwörter bezeichnet. es gibt vielmehr seit mehr als 100 jahren eine beachtliche gruppe deutscher wissenschaftler, die aus ihrer erkenntnis vom wesen der sprache die verwendung großer buchstaben abgelehnt haben. es möge genügen, auf die tatsache hinzuweisen, daß der altmeister der deutschen sprachforschung, jacob grimm, in allen seinen wissenschaftlichen werken und abhandlungen (besonders auch im deutschen wörterbuch) kleinen anfangsbuchstaben verwendet hat. und wenn die deutschen universitäten für seminararbeiten und dissertationen die kleinschreibung zulassen, so wird man annehmen dürfen, daß dies mit gutem grunde geschieht. auch möge vermerkt sein, daß stefan george und seine jünger sowie das bauhaus dessau die kleinschreibung gepflegt haben. [.....]

S.10
die gegner einer neuordnung der orthographie im sinne der kleinschreibung können allerdings eine ganze anzahl von gründen ins feld führen, von denen nachstehend einige der wichtigsten untersucht seien.

zunächst könnte man anführen, daß auch wir und unsere eltern auf der schule den unterschied zwischen klein und groß begriffen hätten, und daß unsere kinder ja auch nicht viel dümmer seien als wir. außerdem würden unsere vorfahren ihre gründe gehabt haben, wenn sie sich zur großschreibung der hauptwörter entschlossen. hierauf kann man sich eine antwort im grunde ersparen. doch wollen wir an unserer stelle georg christoph lichtenberg, den witzigsten und geistreichsten kopf der deutschen, zu worte kommen lassen: „das haben unsere vorfahren aus gutem grunde so geordnet, und wir stellen es aus gutem grunde nun wieder ab.“ so steht es in seinen aphorismen, und es ist ein überzeugendes argument gegen jeden übertriebenen konservativismus.

weiter kann eingewendet werden daß die schrift beispielsweise der engländer und franzosen eine reform mindestens ebenso nötig hätte wie die deutsche, ohne daß jedoch die royal society oder die akademie française eine neuregelung in angriff genommen hätten. das ist erstens nur zum teil richtig, und zweitens täten wir gut daran, uns zunächst einmal mit unsern eigenen angelegenheiten zu befassen, ehe wir an fremden kritik üben – und sollten wir wahrhaftig des ausländischen vorbilds bedürfen, um die reformbedürftigkeit unserer schrift zu erkennen und ihre mängel abzustellen? die sorgen für die englische und französische schrift dürfen wir ruhig den engländern und franzosen überlassen. außerdem müßten, so behaupten die „gegner“, bei der durchsetzung der neuordnung alle bücher müssen neu gedruckt werden. dies scheint in der tat ein gewichtiger beweisgrund. wollte man ihn jedoch endgültig gelten lassen, so wäre eine reform der schrift überhaupt niemals möglich. im übrigen würde es gar nicht erforderlich sein, alle bücher neu zu drucken, denn auch jener, der gelernt hat, alle hauptwörter klein zu schreiben, wird keine schwierigkeiten haben, ein buch unserer tage zu lesen, ebenso wie wir ohne mühe der lage sind, die besonderheiten in der schreibung unserer väter, großväter und Urgroßväter zu begreifen (Thor statt Tor, sey statt sei usw.). entscheidend ist der geist, nicht die form, in der man ihm dauer zu verleihen sucht.

die oft gehörte behauptung, daß mit der kleinschreibung der anfangsbuchstaben eine erschwerung des verständnisses eintreten würde, ist gleichfalls nicht berechtigt. den beweis möge diese vorliegende abhandlung liefern, sie mag dem leser freilich einen ungewohnten anblick bieten, aber ihre lektüre bereitet gewiß keine besonderen schwierigkeiten.

besonders auffällig ist vielleicht, daß auch hier die satzanfänge, eigennamen usw. klein geschrieben sind. es liegt vom stand der rechtschreibelogik in der tat kein grund vor, anders zu verfahren – und wenn andere völker es anders halten, so ist das kein anlaß für uns, es ihnen unbedingt gleichzutun.

bei der behandlung der frage einer neuordnung der rechtschreibung ist übrigens, was für den laien erstaunlich klingen mag, die frage der kleinschreibung der anfangsbuchstaben der hauptwörter von ziemlich untergeordneter bedeutung. sie ist keine eigentliche streitfrage mehr im wissenschaftlichen sinne, denn ihre sprachlich-logische berechtigung steht fest. es ist eine frage, die jetzt weniger die wissenschaft als vielmehr die praxis zu beschäftigen hat: es handelt sich nicht mehr um die berechtigung, die kleinschreibung einzuführen, sondern nur noch um die frage der zweckmäßigkeit der umstellung des schulunterrichts auf die neue regelung, sowie des zeitpunktes und der mehr oder weniger durchgreifenden art ihrer durchführung...
(Korrekturen am abgeschriebenen Text vorbehalten.)

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Sigmar Salzburg
23.11.2016 14.03
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Der Thau und das Tau

Karl Kraus wehrte sich heftig gegen das Weglassen des „h“, so beim „Thau“ in der seit 1901 eingeführten Einheitsschreibung. Reinhard Markner hat nun bei Sprachforschung.org eine wenig bekannte Begründung für den Erhalt bei Adelung ausgegraben, die ich dreist hier einfach abkupfere:

»Th, der Figur nach ein zusammen gesetzter Buchstab, welcher indessen doch nur einen einfachen Laut bezeichnet, einen Laut, welcher dem t gleicht, nur daß er der Regel nach gelinder seyn, und das Mittel zwischen dem weichern d und härtern t halten sollte; Theil, Theer, Thau, Muth, Bethen, Werth.

In den neuern Zeiten hat dieser Buchstab von solchen, welche sich zu Sprachverbesserern aufwarfen, und die Verbesserung der Sprache immer mit der Rechtschreibung anfingen, weil da das Bessern am leichtesten und bequemsten ist, viele Gegner bekommen. Die schwächsten darunter verkannten seinen wahren Werth und seine Bestimmung, und glaubten, daß das h bloß zur Bezeichnung eines gedehnten Selbstlautes da sey, und aus Unkunde in den vorigen Zeiten von seiner rechten Stelle versetzt und dem t angehängt worden.

Unter der Zahl dieser befand sich auch Mosheim, dessen anderweitige Gelehrsamkeit und Verdienste viele auf seine Seite zogen, welche glaubten, ein gelehrter Mann müsse gerade in allen Wissenschaften und Theilen derselben gleich gelehrt seyn. Beyder irrigen Voraussetzungen zu Folge schrieben Mosheim und seine Nachfolger Noht, rahten, Wehrt, Teihl, tuhn, Tiehr, Tuhrm, teuher u. s. f. und glaubten, sich ein großes Verdienst erworben zu haben, daß sie das h ihren Gedanken nach wieder an seine rechte Stelle gebracht hatten.

Allein, es war sehr leicht ihnen zu zeigen, daß das h, wenn es dem t zugesellet wird, kein Zeichen eines gedehnten Selbstlautes, sondern vielmehr eines gelindern Lautes des t sey, und dieses geschahe besonders von Gottsched in den krit. Beytr. Th. 5 S. 571 und in seiner Sprachkunst, ob er gleich keinen andern Grund anzugeben wußte, als weil die Niederdeutschen in den Fällen, wo wir ein th schreiben, ein d gebrauchen; welches aber viel zuviel beweiset, indem auch das härteste t der Hoch- und Oberdeutschen in eben so vielen Fällen im Niederdeutschen ein d ist.

Mit Mosheim sind die Feinde dieses Buchstabens nicht abgestorben, sondern es haben sich auch noch in den neuesten Zeiten verschiedene sogenannte Sprachverbesserer gefunden, welche das h verbannet wissen wollten, weil sie keinen begreiflichen Nutzen von demselben einsahen.«

Originalquelle hier, transkribierte Quelle und weiteres hier.

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Sigmar Salzburg
07.09.2016 02.59
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es geht einem etwas über die Hutschnur

etwas ist einem zu viel; man ärgert sich über etwas; man ist einer Sache überdrüssig; jemand wird wegen etwas (berechtigt) zornig; etwas geht über das erträgliche Maß hinaus

umgangssprachlich, veraltet; Die Hutschnur war früher eine weitverbreitete Halteschnur, die unter dem Kinn hindurchlief und den Hut (insbesondere beim Reiten) auf dem Kopf festhielt. Zur Erklärung der Redensart könnte man daran denken, dass das Bild des Ertrinkens oder Versinkens in einem Sumpf suggeriert werden soll, ähnlich wie in der Redensart „jemandem steht das Wasser bis zum Hals“.

Es gibt aber noch eine andere, überraschende Deutung: Im Staatsarchiv zu Eger wird eine Urkunde vom 30. April 1356 aufbewahrt, in der sich die Kreuzbrüder und die Deutschherren über die Nutzung einer Wasserleitung einigen. Die ersten Anlieger an dieser Wasserleitung sollen nicht mehr Wasser entnehmen dürfen, als sie unbedingt brauchen, "und des selben Wazzers schol in niht mer noch diecker auz den Roeren gen, danne ein Hutsnur". Die Hutschnur ist in diesem Dokument also ein Maß für die Dicke eines Wasserstrahls. Wer Wasser in einem Strahl von einem Durchmesser entnahm, der "über die Hutschnur" hinausging, machte sich danach eines Vergehens schuldig

jemandem geht die Hutschnur hoch

umgangssprachlich, selten; Eine so genannte Kontamination: Vermischung der beiden Redensarten „es geht einem etwas über die Hutschnur“ und „jemandem geht der Hut hoch“. Siehe auch „es geht einem etwas über die Hutschnur“

redensarten-index.de

Nebenbei: Bei diesem Eintrag geht es mir z.B.„über die Hutschnur“, daß es dem Kultusministerpack in Kumpanei mit den Medienmächtigen gelungen ist, die traditionszerstörerischen Heyse-ss gegen den Willen der Sprachgemeinschaft weitgehend durchzusetzen und daß die beflissenen Unterwürfigen dann auch noch die eigentlich wieder zurückgenommene balbutistische Wortspaltung „so genannt“ verwenden.

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Sigmar Salzburg
25.01.2016 19.31
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Die Welt

Glosse
Rechtschreibung: Luther, setzen, 6!

Von Matthias Heine Feuilletonredakteur

Wer je Martin Luther im Original gelesen hat – und nicht jenes Werk, das heute als Luther-Bibel firmiert, aber nur noch soviel Luther enthält wie Nüsse im Nutella stecken –, der ahnt, dass die Idee, es gebe so etwas wie eine logische und natürliche Rechtschreibung, eine Wahnvorstellung ist. Es gibt nur Konventionen, und Luther pfiff auf sie, wie fast alle seiner Zeitgenossen. Zunächst.

Luther schrieb nicht nur ganz anders als wir heute. Er schwankte auch in seinen Schreibweisen. Im zweiten Kapitel des Lukasevangeliums, also der Weihnachtsgeschichte, standen in der ersten Übersetzungsfassung des Neuen Testaments vom September 1522, dem sogenannten September-Testament, dicht nebeneinander zeytt und zeyt oder vnnd neben vnd.

Den Namen seiner Hauptwirkungsstätte Wittenberg schrieb Luther sogar in sage und schreibe 14 verschiedenen Varianten: Wittenbergk, Wittenburgk, Wittenberg, Wittemberg, Wittembergk, Vuittenberg, Viuttemberg, Vuittenbergk, Vuittembergk, Wittemperg, wittenberg, Wyttemberg, Vvittenberg und wittemberg.

Der DDR-Luther-Forscher Erwin Arndt erklärte das 1962 in seinem Buch „Luthers deutsches Sprachschaffen“ (in dem man selbstverständlich auch ganz nebenbei erfuhr, wie die sowjetische Sprachwissenschaft und Friedrich Engels Luther beurteilten) so: „Das ist nur dadurch möglich, dass es für Luther und seine Zeitgenossen eine Norm in unserem Sinne überhaupt nicht gegeben hat, sie nach Lage der Dinge auch gar nicht geben konnte. Jeder schrieb, wie er es für gut und richtig befand.“

Hinzu kam beim Reformator eine gewissen Lust an der expressiven Schreibweise und dem Sprachspiel. Luther, so Arndt, habe anscheinend – wenigstens in seinen ersten deutschen Schriften – sogar „eine heimliche Freude daran gehabt, ein und dasselbe Wort mit verschiedenen Buchstaben zu schreiben.“

Das Schreibchaos der Zeit beschrieb Luthers Korrektor Christoph Walther: „Wenn hundert Briefe und gleich mehr und gleich mehr mit einerlei Wörter geschrieben wörden, so wörde doch keiner mit dem Buchstaben übereinstimmen, daß einer mit Buchstaben geschrieben wörde wie der andere.“

Doch es waren Leute wie Walther, die Luther allmählich eine einheitliche Rechtschreibung abverlangten und beibrachten. Vor der ersten Bibelübersetzung 1522 kümmerte sich Luther kaum um Fragen der Rechtschreibung und des Schriftbildes. Die Wittenberger Druckerei von Hans Lufft, für die Walter arbeitete, hatte aber ein Interesse daran, die Luther-Bibeln überregional zu verkaufen. Also verbesserten und vereinheitlichten die Drucker Luthers Orthografie und reinigten sie von mitteldeutschen Regionalismen.

Nachdem Luther bemerkt hatte, dass durch solche Eingriffe sowie durch Nachlässigkeit und Flüchtigkeit der Drucker oft seine Texte entstellt wurden, begann er, auch der äußerlichen Seite der Sprache mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Seit Mitte der 1520er-Jahre mussten Bücher nach seinen Grundsätzen gedruckt werden. Viele Anzeichen deuten darauf hin, dass er selber Korrektur gelesen hat.

Nun bemühte er sich, in Übereinstimmung mit den Druckereien, selbst zunehmend um die Vereinheitlichung seiner Rechtschreibung: Konsonantenhäufungen wie bei zeytt, die typisch für den frühneuhochdeutschen Wildwuchs waren, wurden seltener. Er schrieb immer seltener tzehen oder czehen, sondern fast nur noch zehen.

Auch die 14 unterschiedlichen Schreibweisen für Wittenberg kommen nur in Luthers ersten Schriften bis zum Jahre 1523 vor. Arndt berichtetet: 1524 nutzte er nur noch sechs verschiedene Schreibweisen, 1535 nur noch vier, 1539 drei und ab 1542 endlich nur noch zwei, nämlich Wittemberg und Vuittenberg, wobei jedoch die erste Form schon seit 1524 bei weitem überwog. Der Siegeszug der Reformation war auch der Tatsache geschuldet, dass Luther seine epochenbedingte Dyslexie überwand.

welt.de 25.1.2016

Der Artikel soll wohl mit dem heutigen, von den Kultusministern herbeigeführten Schreibchaos versöhnen: „Früher war alles viel schlimmer!“ – W und Vu sind sicher nicht als zwei Schreibweisen gemeint, sondern das zweite ist aus zwei Lettern zusammengesetzt (double u), wie man sich auch ab und zu mit ſs statt ß behalf, wenn das andere nicht greifbar war.

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Sigmar Salzburg
16.07.2015 07.46
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Johann Ernst Stutz „Deutsche Sprachlehre“ 1790

Aus der Vorrede

... so darf ich auch meine Arbeit der freien Beurtheilung mit der Erwartung preis geben, daß man auch Gutes darin finde, die Mängel aber mir auf eine Art sagen werde, welche belehren und bessern kann. Ohne das erste zu hoffen, würde ich das Buch nicht geschrieben haben, am letztern aber zweifeln, wäre Beleidigung für das Publikum...

... Man muß in der That etwas Patriotismuß haben, und den trockenen grammaticalischen Untersuchungen Geschmack abgewinnen können, wenn man sich durch alle damit verbundenen Schwierigkeiten hindurch arbeiten will...

Ueber meine Arbeit darf ich nicht weiter urtheilen. Ich habe mir Mühe gegeben, den Grund der Sprache in ihr selbst zu suchen und aus ihrer Natur, so viel ich konnte, deutliche Begriffe zu entwickeln. Man wird es der Arbeit wohl ansehen, durch welche Männer ich mich habe leiten lassen; Die dahin gehörigen neuern Schriften der Herren Adelung, Moritz, Meinatz, Heynatz, Purmann und Jacon Harris durfte und mußte ich dabei zu Rathe ziehen. Bei der ganzen Arbeit ist es mir am allerwenigsten um Neuerung und Sonderbarkeit zu thun gewesen; seit dem ich über die Sprache mehr nachgedacht habe, ist mir der Sinn dazu vergangen. Nur den einen Umstand rechne man mir dazu nicht an, daß ich mich des Gebrauchs des y ganz enthalte. Wenn ich gleich glaube, ja gewiß wissen könnte, daß das y in Zukunft noch ganz werde verstoßen werden, so wird man mir doch den Vorwurf machen, daß ich es als Sprachlehrer zu früh thue und nicht vorgreifen sollte. Gern hätte ich auch diese Gewohnheit wenigstens in diesem Buche abgelegt, wenn sie nicht so sehr alt und mir so natürlich geworden wäre, daß ich mich tausendmahl dabei zu vergessen fürchten mußte. Zerbst, den 9. April 1790.

Aus Johann Ernst Stutz „Deutsche Sprachlehre“ Potsdam 1790

books.google.de

Kursivierung hinzugefügt: Vergleiche die heutige „neue“ Größtschreibung.

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Sigmar Salzburg
19.07.2012 06.13
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Handschriften

Hat mir meine Tochter vom letzten Flohmarkt mitgebracht:
Gottfried Benn, Briefwechsel mit Paul Hindemith [u.a.],
Fischer TB 5466 1986
Es geht um die Entstehung des Oratoriums „Das Unaufhörliche“ (1930):

BENN AN [den Philosophen] EWALD WASMUTH

[Berlin] 17 XII 31.

Lieber Herr Wasmuth, ich flehe Sie direkt um etwas an: bitte schreiben Sie mir nur per Schreibmaschine. Ich kann Ihre Schrift nicht lesen, bei studenlangem Starren u. Studieren mit Lupe und Beleuchtungseffekten entziffere ich sie nicht. So schade! Hätte mich so sehr interessiert, was Sie zu der Aufführung sagten! …

Hörprobe: https://www.youtube.com/watch?v=HU2i0yRdJDY

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Sigmar Salzburg
15.07.2012 21.40
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Eckernförde

Versuch einer Chronik von Eckernförde
Von C. G. Hansſen, Kiel, Gedruckt in der Königl. Schulbuchdruckerei 1833
[76 S., 8°]

Ueber der Stadt am beseegelten Busen der Ostsee,
Nahe der fruchtbaren Flur, wo der dänische Pflüger den Deutschen,
Dieser den Dänen versteht, dem gesegneten Erbe der Angeln,
Kränzet den Bord, der des Meeres einst höhere Fluthen zurückzwang,
Dunkles Gehölz und schauert dem Wandrer Grauen der Vorzeit.
Joh. Heinr. Voß

Inhalt

Vorwort
Erster Abschnitt. Geschichte der Stadt
I. Sagenzeit (vor 1416)
...
XI. Eckernförde seit 1801
… Sechster Abschnitt. Das Christianspflegehaus

Verzeichniß der Abonnenten [S.VII-XIV]

[vorgeheftet] Druckfehler.

S. 6, Z.8 v.o nach Cappelle ein Komma ...
" 11 " 3 v.u. nach Stadt ein Komma ...
" 14 " 4 v.o. nach 26) ein Semicolon ...
...

Vorwort
...
Erster Abschnitt
Geschichte der Stadt

I. Sagenzeit ...
3) Die Burg
... Besonders spricht dafür, daß eine Burg wirklich in dieser Gegend bestanden habe, der Name des zum Theil auf dem noch jetzt vorhandenen Rest des Ballastberges gelegenen Dorfes Borbye, welcher bei der weichen Aussprache, wie aller dänischen Buchstaben, so auch das g, offenbar aus dem Dänischen: Borgbye d.i. Dorf der Burg entstanden ist ...

Sechster Abschnitt
Das Christianspflegehaus


Oberdirector: S. Durchlaucht der Landgraf Carl von Hessen. 1767 –
Directoren: Major C.H. v. Meleys. 1790 Obristlt. 1785-95 …
Directionsmitglieder: 1stes D. Major v. Muderpach 1820 …
Commission zur Verbreitung des wechselseitigen Unterrichts: Captain v. Krohn 1820 …
Schullehrer: [11 Pers.]
Musiklehrer: Lorenzen 1796-1812; Präscher 1812-1820; Mehder 1820.-
Regimentschirurgen: 1785-1820, geb. 1751 zu Nedelba: Er machte zuerst, zwölf Jahre vor Jenner, auf die Wirkung der Kuhpocken aufmerksam; …

Rechtschreibung allgemein:
zu Stande gekommen; aufs Neue; eine adlige Dame, Namens Clara; auf das Härteste; Schifffahrt; in baar; Gränze
sogenannte; Zeitlang; vor kurzem; insonderheit

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Sigmar Salzburg
15.05.2012 07.43
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Walter Boehlich

Walter Boehlich ( 1921 – 2006 )
Literaturkritiker, Übersetzer und Herausgeber

Aus irgendeinem Grund weigerte sich Boehlich, die ß-Taste seiner Maschine zu betätigen, und so verwendete er in Vorwegnahme der Rechtschreibreform an den entsprechenden Stellen immer ein Doppel-s.

Titanic 6/2006

Familienarchiv Boehlich, Mappe Wolfgang Boehlich, Lebenserinnerungen. Die Vermeidung des „ß“ war in der Familie nicht unüblich. Sie lässt sich auch in Briefen von Edith Boehlich nachweisen. Bei Walter Boehlich wird sie programmatisch. Er benutzt in seinen Manuskripten meist „ss“, auch wenn es in den Veröffentlichungen herausredigiert wurde. Anlässlich der Reform der deutschen Rechtschreibung fordert er, dass „grundsätzlich, wie in der Schweiz, das nicht in die lateinische Schrift gehörende und unnütz verwirrende ß abzuschaffen“ sei.
Walter Boehlich: Reform der Vernunft? Die „kleine Reform“ der Rechtschreibung; halbe Lösungen und komplette Idiotien. In Titanic 17 (1995) H. 1, S. 20-23, hier S. 23.
[Walter Boelich: Kritiker, Hg. Helmut Peitsch, Helen Thein-Peitsch; Fußnote 38, S. 29]

Ein verbreiteter Irrtum. Dagegen spricht die Geschichte der Typographie, z.B.:



Christoph Plantin, Antwerpen 1570

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Sigmar Salzburg
24.11.2010 13.37
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Ludwig Wittgenstein

Lieber Russell!
Dank Dir vielmals für Deinen lieben Brief. Ehrlich gestanden: es freut mich, daß mein Zeug [Tractatus] gedruckt wird. Wenn auch der Ostwald ein Erzscharlatan ist! … Ich traue dem Ostwald zu, daß er die Arbeit nach seinem Geschmack, etwa nach seiner blödsinnigen Orthographie, verändert.

Ludwig Wittgenstein an Bertrand Russel 28. November 1921

[Cambridge letters: correspondence with Russell, Keynes …]

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Sigmar Salzburg
18.10.2010 15.43
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Der Physiker und Philosoph Ludwig Boltzmann

Klaus Achenbach
trug bei Sprachforschung.org folgendes Fundstück ein:

Zufällig stieß ich auf das „forwort“ aus den Populären Schriften von Ludwig Boltzmann (1905):

ich musste mir in meinen lezten büchern di neue ortografi
gefallen lassen, di zu erlernen ich zu alt bin; so
möge man sich hir im forworte di neueste ortografi gefallen
lassen. ich glaube, man soll di abweichungen fon
der fonetik, wenn man si nicht ganz ferschonen will, dann
schon alle hinrichten. wenn man dem hunde den schwanz
nicht lassen will, schneide man in mit einem griffe ganz ab!


sprachforschung.org 18.10.2010

P.S.: Ich sehe gerade, daß ich das Zitat schon vor sechs Jahren hier eingetragen habe.

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Sigmar Salzburg
01.08.2010 16.04
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Gutherzige Fraktur

Robert Walser „Poetenleben“ Genf und Hamburg 1967.
Im Nachwort des Herausgebers:

Walser hatte auch eigene Vorstellungen über die zu wählende Schrift. Als ihm der Verlag eine Satzprobe vorlegte, antwortete er, er «sei der Meinung, daß sich für das Seelandbuch, dessen Charakter vorwiegend naturhaft ist, Fraktur besser eigne wie Antiqua. Nur ungern würde ich in die mir freundlich eingesandte Druckart einwilligen, die mir nicht sonderlich gefallen will, da sie mir zu hart erscheint. Fraktur hat immer etwas Warmes, Rundliches, Gutherziges. Ich möchte sie daher für meine Schriften bevorzugen … »
(26.10.1918 an den Rascher Verlag, Zürich).

[Walser konnte sich nicht durchsetzen.]

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Sigmar Salzburg
31.05.2010 20.02
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Franz Thierfelders Reformplädoyer 1946

In meiner Sammlung fand ich ein Heft „Pandora“ von 1946 (Aegis Verlag Ulm), Schwerpunktthema „Sprache und Schrift“. Den darin enthaltenen gegensätzlichen Standpunkten ist einleitend einiges aus der „Deutschen Grammatik“ von Jakob Grimm vorangestellt. Danach folgt auf einen Text in Kleinschreibung ohne Verfasserangabe – in Fraktur gedruckt – Thierfelders „Schönheit des Schriftbildes – Eine Verteidigung der Großbuchstaben“. Er kommt aber sehr schnell auf sein Hauptanliegen, nämlich die Einleitung einer Rechtschreibreform, die sich nahtlos an die gescheiterte Rustsche Reform angeschlossen hätte. Die Ähnlichkeiten mit dem Ablauf fünfzig Jahre später sind auffällig, manche Unterlassungen verhängnisvoll. Anscheinend ist ihm aber nie der Gedanke gekommen, daß man mit der vorhandenen Rechtschreibung auch noch einige Jahrhunderte gut leben könnte:

… An sich ist der Zeitpunkt, in dem die Reform mit einem Minimum an Kosten durchgeführt werden könnte, gekommen; ein bedeutender Teil unseres nationalen Schrifttums, gerade auch des älteren, muß neu gedruckt werden, und ein erschreckend hoher Prozentsatz unserer Bücher wurde durch den Krieg vernichtet. Empfohlen werden kann die Reform jedoch nur dann, wenn sie nicht nur in allen Zonen Deutschlands, sondern auch in den Gebieten jenseits unserer Grenzen eingeführt wird. Die Sprache ist vielleicht das wichtigste einigende Band, das uns nach der Katastrophe geblieben ist, das Symbol, an dem wir uns untereinander noch erkennen, das einzige auch, das wie in früherer Zeit unser geistiges Leben mit der außerdeutschen Welt verknüpft. Wir müssen ernstlich prüfen, ob wir heute schon innerlich soweit gesammelt sind, daß wir die orthographische Erneuerung objektiv und maßvoll durchführen können. Die früheren erregten Aussprachen in Aufsätzen, Broschüren und Diskussionen haben gezeigt, daß sich viele zu Wort melden, die unsachliche Nebenabsichten verfolgen; es wäre zu bedauern, wenn die Reform der Rechtschreibung als neuer Erisapfel in unser gespaltenes, noch immer tief beunruhigtes Volk geworfen würde.

Wem auch immer die Reform zur Durchführung anvertraut werden sollte, der darf eins nicht vergessen: jeder Radikalismus macht den gewünschten Erfolg unmöglich, weil er Teile der deutschen Sprachgemeinschaft mit Sicherheit veranlaßt, ablehnend beiseite zu treten. Die Festsetzung einer Rechtschreibung ist nie ein Akt gewesen, der für „die nächsten tausend Jahre“ gilt; wie sich die Sprache unaufhaltsam, bald langsamer, bald schneller wandelt, so auch die Schreibweise, und es gibt mancherlei Änderungsbedürftiges, was man zweckmäßig erst auf der nächsten Konferenz erledigen wird. Denn jederzeit weist die Sprache eine Menge von Fällen auf, in denen der Gebrauch schwankend geworden ist, ohne daß man bereits klar sieht, nach welcher Seite sich das Sprachbedürfnis der Volksmehrheit endgültig entscheiden wird. Ein Entschluß, der heute noch heftigen Widerspruch und damit unnötigen Kostenaufwand bewirken würde, ist morgen vielleicht des allgemeinen Beifalls sicher. Auch ist aus technischen Gründen die stufenartige Anpassung der Schreibung an die Sprachentwicklung zu empfehlen; zwar entsteht niemals „endgültig“ Ruhe, nach der die Geistesträgen so sehr verlangt, dafür wird der Sprung von einer Reform zur anderen nicht so groß, daß zwischen dem bisher gültigen und dem neu zu druckenden Schrifttum eine schwerüberbrückbare Kluft entsteht. Es wäre zu prüfen, ob nicht etwa aller [!] dreißig Jahre eine Rechtschreibreform stattfinden sollte; in der dazwischen liegenden Zeit wäre von einer dazu berufenen Stelle das Material zu sammeln, das die Konferenz zu begutachten hätte.

Welche Stelle freilich ist dazu berufen? Die Frage ist heute schwerer zu beantworten als früher, da es deutsche Zentralinstanzen verschiedenster Art gab, die das Recht der sprachlichen Betreuung glaubten für sich in Anspruch nehmen zu können. […] Wo ein solches Sprachamt am zweckmäßigsten zu errichten wäre, soll hier nicht erörtert werden; dagegen darf man sich sehr wohl schon jetzt Gedanken über seine mögliche Zusammensetzung machen, denn von ihr hängt der Erfolg einer Reform nicht zuletzt ab.

Sprachpflege ist nicht, wie man bei uns lange geglaubt hat, eine Beschäftigung für Musestunden [!] sprachbeflissener Dilletanten [!]; ebensowenig aber ist sie ausschließlich Angelegenheit der Sprachgelehrten. Die praktische Bedeutung und Anwendung der Sprache im öffentlichen und wirtschaftlichen Leben ist so groß geworden, daß in vielen Fällen philologische Gesichtspunkte allein nicht mehr entscheidend sind. Zwar wird der Fachgermanist nach wie vor als Berater bei allen orthographischen Überlegungen und Entscheidungen unentbehrlich sein, nicht weniger aber wird man des Journalisten, des Rundfunks, des Verlegers, des Dichters, des Buchdruckers, des Verwaltungsbeamten, des Industriellen und nicht zuletzt des Sprachlehrers und Pädagogen bedürfen. Die Aufzählung will nicht vollständig sein; es werden sich noch andere Gruppen melden und ihr besonderes Interesse an der Rechtschreibreform bekunden. Denn tatsächlich handelt es sich hier um eine der wirklich allgemeinen Volksangelegenheiten, die den Greis wie den Schüler, den Minister wie seine schlichteste Schreibhilfe betreffen. Ein ständiger Ausschuß für Fragen der Rechtschreibung wäre also auf breiter demokratischer Grundlage zu bilden, in dem die strittigen Fragen der Orthographie geklärt werden müßten. Ist in Deutschland wieder ein Sprachamt vorhanden, dann würde dieser Ausschuß einen Teil von ihm bilden. Zunächst aber könnte er auch ganz für sich bestehen, denn allein durch sein Vorhandensein ließen sich unerwünschte Sonderverfahren mit ziemlicher Sicherheit vermeiden. Ich erinnere daran, daß sich bereits voriges Jahr Lehrertreffen in Mittel- und Norddeutschland für radikale Eingriffe in die gegenwärtige Rechtschreibung ausgesprochen haben; was damals Absicht blieb, könnte morgen rasch verwirklicht werden.

Über die Organisation einer sprachpflegerischen Zentralstelle mögen die entscheiden, die dazu berufen werden; hier soll nur eine Forderung vertreten werden, die in Deutschland nicht laut genug erhoben werden kann: die Sprachpflege ist zwar eine Angelegenheit behördlichen Interesses, nicht aber behördlicher Betätigung. Wenn die Sprachpflege nicht von dem freien Willen der geistig interessierten Schichten einer Nation getragen wird, dann ist es besser, die Sprache dem Wildwuchs zu überlassen, der nie so viel verderben kann wie eine seelenlose Verwaltung.

Fassen wir noch einmal kurz zusammen, was vom Standpunkt vorsichtigen Bewahrens zur Rechtschreibreform zu sagen ist: die Erneuerung ist notwendig, sie sollte bald geschehen, gleichzeitig aber auf eine Grundlage gestellt werden, die die organische Fortentwicklung der Schreibung in Zukunft gewährleistet. An der Reform ist das ganze Volk interessiert und dementsprechend zu beteiligen. Da unsere Muttersprache das Fundament unseres Daseins in geistiger Hinsicht bildet und in ihrer Wirkung über die politischen Grenzen hinausreicht, darf die Reform erst dann durchgeführt werden, wenn die Anerkennung ihrer Ergebnisse im ganzen deutschen Sprachbereich gesichert ist.

Franz Thierfelder (1896 -1963) deutscher Publizist, Sprachwissenschaftler und Kulturpolitiker.
In der biographischen Notiz zu Thierfelder heißt es im vorliegenden Heft zu seiner vorhergehenden Tätigkeit nur: Seit 1926 war er, zuletzt als Generalsekretär, an der deutschen Akademie. Als diese nach 1933 politisiert wurde, schied er aus.

Wikipedia erwähnt: 1926 wurde er Pressereferent, 1930 Generalsekretär der Akademie zur Wissenschaftlichen Erforschung und Pflege des Deutschtums (Deutsche Akademie) in München, die er in den nächsten Jahren schwerpunktmäßig auf „Sprachförderung im Ausland“ ausrichtete. Angesichts des wachsenden politischen Einflusses der Nationalsozialisten unternahm der konservative Thierfelder „karrierebedingte Anpassungsleistungen“. [mit Beispielen]

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Sigmar Salzburg
21.05.2010 04.28
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Familie Mozart

Wohlen sie leb, sunden sie geschlaf!

Als die Bildungsbürger im achtzehnten Jahrhundert Hochdeutsch lernten, war auch der Aufsteiger Leopold Mozart dabei. Der Vater des Musikgenies trieb seiner Familie die Mundart aus – das war kein Zuckerl nit.

Von Wolfgang Krischke

13. Mai 2010

Leopold Mozart war nicht nur Komponist und Musikpädagoge, sondern auch Sprachkritiker. Wolfgangs Frau Constanze fürchtete, ihr Schwiegervater würde sie „über ihre orthographie und Concept auslachen“, und zögerte deshalb, ihm überhaupt zu schreiben. Den Verleger, der seine „Violinschule“ herausbrachte, belehrte Leopold, wann es zweyte oder zwote heißen musste, er verordnete ihm das Dativ-e (dem Tacte), diskutierte über erforderet oder erfordert und verlangte, ereignen durch eräugen zu ersetzen, weil sich das Wort von „Auge“ herleitet.

Leopold, der Deutschmeister der Familie, richtete sich nach den grammatischen Regeln, die der Leipziger Professor Johann Christoph Gottsched dekretierte. …

[Das erinnert an die Pedanterie der Schreibreformer, die das Wort „behende“ nach tausendjähriger Trennung gewaltsam wieder an die „Hände“ anbinden wollen.]

Gottscheds Normen waren das Destillat einer jahrhundertelangen Entwicklung, zu der das Bibeldeutsch Luthers und die Schreibpraxis der politisch einflussreichen sächsischen Kanzleien wesentlich beigetragen hatten. …

Auch Wolfgang streute in seine Jugendbriefe noch mundartliche Wendungen ein (kein zuckerl nit). Seit seinen Reisen nach Mannheim und Paris 1777 aber orientierte er sich wie der Vater am Gottschedschen Hochdeutsch, das für ihn auch eine Befreiung von der provinziellen Enge Salzburgs symbolisierte.

Aber als begnadeter Wortjongleur legte er die Mundart nicht einfach ab, sondern machte sie ebenso wie fremdsprachliche Wendungen, Jargonausdrücke oder das gestelzte Kanzleideutsch zum Material seiner Sprachspiele: „Est-ce que vous avez compris? redma dafia Soisburgarisch den es is gschaida.“ Lange vor Dada und den Experimenten der konkreten Poesie demontierte Mozart die Grammatik und komponierte mit ihren Formen bis dahin nicht gehörte Sätze: „Wohlen sie leb, sunden sie geschlaf!“

faz.net 13.5.2010

(„Sprachvariation im achtzehnten Jahrhundert. Die Briefe der Familie Mozart“, in: Zeitschrift für Germanistische Linguistik, Heft 37.1 und 37.2, 2009).

Anmerkungen: Mozarts Sprachspiele, besonders in seinen bekannten derben Bäsle-Briefen, machen ein wenig sichtbar, wie sein Geist schöpferisch arbeitete: Hundertfache Variationen eines Themas sind gleichzeitig präsent oder werden in schneller Folge erfunden. Im Musikalischen konnte er dann die beste Version fehlerlos aufzuschreiben.

[Mannheim 5.11.1777] Allerliebstes bäsle häsle! Ich habe dero mir so werthes schreiben richtig erhalten falten, und daraus ersehen drehen, daß der H: vetter retter, die fr: baaß has, und sie wie, recht wohl sind hind; …

Alle Briefe Mozarts zeigen den lebendigen Gebrauch des „ß“, wie er seit vierhundert Jahren üblich war und noch weitere 200 Jahre andauerte, bis die bekannte Kultusbanausen-Mafia den Würgegriff ansetzte. Die folgenden Zitate stammen aus dem Inseltaschenbuch 128, in dem sinnvoll die Briefe in Fraktur gedruckt sind, so daß auch die Unterscheidung der s-Längen erkennbar bleibt.

Wien, den 16.Juny 1787
Liebste Schwester! Daß Du mir den traurigen und ganz unvermutheten Todesfall unseres liebsten Vaters nicht selbst berichtet hast, fiel mir gar nicht auf …

[Wien, März 1790 …an Puchberg] Hier schicke ich Ihnen, liebster Freund, Händels Leben. – Als ich letzhin von Ihnen nach Hause kam, fand ich beyliegendes Billet von B. Swieten. Sie werden so wie ich daraus sehen, daß ich nunmehro mehr Hoffnung habe als allzeit.

[Aus dieser Biographie hatte ich hier schon zitiert. Mozart nahm also Anteil am Wirken anderer großer Musiker.]

Parigi li 30 di giuglio 1778. [An Aloysia Weber] Carißimia Amica! La prego di pardonarmi che manco questa volta d’inviare le variazioni per l'aria mandatami – ma stimai tanto neceßario il rispondere al più presto alla lettera del suo sig: Padre, …

[Man sieht, daß das „ß“ auch im Italienischen noch gebräuchlich war.]

[26. Nov. 1777, Nachschrift des Elfjährigen in einem Brief der Mutter]
Nun muß ich schlieſſen weil ich keinen Plaz mehr habe zum schreiben …

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Sigmar Salzburg
08.12.2009 10.30
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Friedrich der Große

„Alle Religionen seind gleich und guht, wan nuhr die leute, so sie profesieren, erliche Leute seindt; und wen türken und heiden kähmen und wolten das land pöblieren, so wollen wier sie Mosqeen und Kirchen bauen.“ So weit Friedrich der Große von Preußen, der von Orthografie wenig, von Liberalität dafür mehr verstand als mancher Heutige.

welt.de 5.12.09

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