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Sigmar Salzburg
13.01.2018 10.49
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Mozart in „klassischem“ Latein?

Dem Komponisten und Musikologen Moritz Eggert ist möglicherweise eine bedeutsame musikwissenschaftliche Entdeckung gelungen. Das erste Wort in Mozarts Ulk-Kanon „Difficile lectu mihi Mars“ sollte in heutiger philologischer, vermeintlich klassischer k-Lautung des lateinischen „c“ ausgesprochen werden. Dann ergäbe sich eine weitere Frivolität – auf bairisch:

„di fick i, le-leck du mi im oarsch (und) aiern, di fick i ...“
(frei nach nmz.de 8.9.15).
Ob Mozart das schon bekannt war, ist nicht bekannt. Die deutsche Wikipedia bringt darüber nichts, die englische aber einen ausführlichen Artikel (hier bei uns erwähnt), jedoch noch nicht auf diesem letzten Stand. Aber es werden die Umstände geschildert, denen das kleine Werk geschuldet ist:
A tale concerning how the canon was composed and first sung was offered by Gottfried Weber, a musicologist and editor of the early 19th century. In an 1824 issue of Caecilia, the journal he edited, Weber published a facsimile of the original manuscript of the canon (see figure above). In his commentary, Weber included the following.

„Die Geschichte aber ist folgende. Der sonst treffliche Peierl hatte einige wunderliche Eigenheiten der Wortausprache, über welche Mozart in freundlichem Umgange mit ihm und anderen Freunden, oft scherzte. Am einem Abende solchen fröhlichen Beisammenseins kam Mozarten der Einfall, ein Paar lateinische Wörter "Difficile lectu mihi" u.s.w. bei deren Absingen Peierls Aussprache in komischem Lichte hervortreten musste, zu einem Canon zu verarbeiten; und, in der Erwartung, dass dieser die Absicht nicht merken und in die Falle gehen werde, schrieb er gleich auf der Rückseite desselben Blattes den Spottkanon: O! du eselhafter Peierl! . Der Scherz gelang, und kaum waren jene wunderlichen lateinischen Worte aus Peierls Munde in der erwarteten komischen Weise zu allgemeinen Behagen gehört worden, so drehete Mozart das Blatt um, und liess nun die Gesellschaft, statt Applaus, den kanonischen Triumph- und Spottgesang anstimmen: O! du eselhafter Peierl!
Anm.: Peierl, Johann Nepomuk, bayr. Bariton/Tenor, 1761 – 1800.

Der Kanon selbst: https://youtu.be/sTRlabuB64s

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Sigmar Salzburg
10.01.2018 08.42
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Lukrez

Kurz vor dem Ablauf des Jubiläumsjahres 2017 erinnerte die Neue Zürcher Zeitung an die Entdeckung des berühmten materialistischen Lehrgedichts des Lukrez (ca. 99-53 v. J.) – pikanterweise am zweiten Feiertag des christlichen Weihnachtsmärchens.

Die Wiedergeburt eines Atheisten
Sonne, Mond, die Erde: Alles ist zufällig entstanden, aus kleinsten Teilchen. Vor 600 Jahren wurde das bahnbrechende Gedicht «De rerum natura» von Lukrez wiederentdeckt – und gehörte schon bald zu den verbotenen Büchern.
Christoph Lüthy 26.12.2017, 14:26 Uhr

Lukrez zeigt auf die Atome, die im Sonnenlicht tanzen. Abbildung aus der Ausgabe von «De rerum natura» von Thomas Creech (Oxford, 1683). (Bild: PD)

Vor 600 Jahren, im Jahr 1417, entdeckte der Humanist und Manuskriptjäger Poggio Bracciolini in einem nicht namentlich bekannten Kloster in der weiteren Umgebung der damaligen Konzilstadt Konstanz ein ganz besonderes Manuskript. Seine Entdeckung war das verloren geglaubte Lehrgedicht «De rerum natura» («Von der Natur der Dinge») des römischen Dichters Titus Lucretius Carus. Bracciolini liess sich eine Abschrift anfertigen, die nach seiner Rückkehr nach Italien wiederum kopiert wurde. So verbreitete sich dieser antike Text zuerst in der Toskana und in Norditalien, bevor er erstmals in Brescia 1473 und danach mit zunehmender Häufigkeit auch anderswo gedruckt wurde.

Die Philologen reagierten auf den neuen Text zunächst mit Bewunderung, die Humanisten mit Neugierde, die Theologen mit Abscheu. Denn als Anhänger der Schule des griechischen Philosophen Epikur war es Lukrez daran gelegen, dem Leser Gemütsruhe zu schenken und die Furcht vor dem Tod zu nehmen. Diesen Gemütszustand versuchte er zu erzeugen, indem er die Existenz einer unsterblichen Seele wie auch einer strafenden Götterwelt bestritt. Diese doppelte Verneinung führte dazu, dass das Werk des Lukrez vor genau 500 Jahren, im Reformationsjahr 1517, durch die Synode von Florenz als Schullektüre verboten wurde. Die noch ungefestigte Schülerseele durfte diesem Text auf keinen Fall ausgesetzt werden...
nzz.ch 26.12.2018
Heute können wir beurteilen, wie weit die Atom-Hypothese des Demokrit (460-371 v. J.), der Lukrez folgte, dem Wissen der Zeit vorauseilte, nämlich 2200 Jahre. Um 1800 fand John Dalton den mathematisch-physikalischen Hinweis auf die tatsächliche atomare Struktur der Materie in der Proportionalität der Gewichte sich verbindender chemischer Elemente. Lukrez aber vermied den Begriff des „atomon“, des Unteilbaren, sondern sprach nur von „Samen“ – in Anbetracht der Entdeckungen seit 1900 eine weise Vorsicht. Insgesamt ist es erstaunlich, welche Phantasie Lukrez aufwendet, um aus geringen Vermutungen und faktischem Nichtwissen ein großes Lehrgedicht entstehen zu lassen. Den Zusammenhalt der Atome erklärt er, wie Demokrit, aus der Form der Teilchen. Man hätte damals schon auf elektrische Kräfte kommen können, die als Anziehung des geriebenen Bernsteins bekannt waren. So dichtet Lukrez (II/469, in Hexametern):
Scilicet esse globosa tamen, cum svalida constent,
provolvi simul ut possint et laeder sensus.
et quo mixta putes, magis aspera levibus esse
principiis, unde est Neptuni corpusacerbum.
est ratio secernendi seorsumque videndi,
umor dulcis ubi per terras crebrius idem
percolatur, ut foveam fluat ac mansuescat;
linquit enim superataetri primordia viri,
aspera quom magis in terris haerescere possint.
In der Übersetzung von Karl Büchner (Reclam 1973) nach der verbesserten Ausgabe Zürich 1956 liest sich das so:
Kugelig sind sie natürlich, obgleich sie struppig beschaffen,
so daß sie zugleich zu rollen imstand und die Sinne zu reizen.
Und damit du glaubst um so mehr, daß rauhe vermischt sind
glatten Atomen, woraus ist der bittere Körper des Meeres,
so gibt es Mittel und Weg es zu trennen und sehen gesondert,
wenn nämlich öfter durch Erde das süße Wasser geseiht wird,
gleiches, damit in die Grube es fließt und dort wird gefügig;
läßt es zurück oben die Körper abscheulicher Lauge,
während die rauhen mehr zu hängen vermögen im Boden.
Wir sehen, Lukrez versucht, seine Beobachtungen aus Schlammfang und Salzgewinnung mit seiner Atomtheorie in Einklang zu bringen. Leider hat der Bodensatz unserer Kultur, die kulturbanausischen Kultusminister, vierzig Jahre später ätzend eingewirkt, um dem „Rauhen“ sprachgeschichtswidrig und völlig nichtsnutzig sein „h“ zu nehmen – und Google unterkringelt „Rauhes“ volkserzieherisch schon dem, der es nicht ohne „h“ sucht.

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Sigmar Salzburg
04.01.2018 05.51
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Statt altem Deutsch Reformgreuel

Auf der Suche nach frühdeutscher Wissenschaftsprosa dachte ich sogleich an Dürer, fand aber vorerst nur eine Ansammlung moderner Reformgreuel. Die...

Wissenschaftliche Zeitschrift der Technischen Universität Dresden • (2006) Heft 1-2
450 Jahre SLUB [Sächsische Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden]
... beginnt schon mit dem lächerlichsten und spießigsten Einfall der Reformkommission, der Spaltung des Wörtchens „sogenannt“, die renommierte Zeitungen schon lange nicht mehr verwenden (außer „Spektrum“):
Die Dresdner Dürerhandschrift: ein bedeutendes Dokument der Kunst-, Wissenschafts- und Sammlungsgeschichte

Zu den größten Schätzen der Handschriftensammlung der SLUB gehört seit 1768 ein Band, der Albrecht Dürers Reinschrift zu einer geplanten früheren Ausgabe des ersten Buches seiner „Lehre von menschlicher Proportion“ sowie das so genannte Dresdner Skizzenbuch mit zahlreichen Zeichnungen vor allem zur Proportionslehre enthält. Der Beitrag erläutert die Handschrift als Dokument der Entstehungsgeschichte der Dürer‘schen Proportionslehre anhand ausgewählter Seiten und referiert Hypothesen zu ihrer Überlieferungsgeschichte.
Der Apostroph zeugt vom krampfhaften Bemühen der Reformkommission, „Reformbedarf“ ausfindig zu machen. Der folgende Konsonantenkluster fehlte noch in unserer Sammlung der sss-Greuel und wurde nachgetragen.
Am 31. Oktober 1528, erst knapp sieben Monate nach DÜRERS Tod (6. April 1528), war der Druck des Lehrbuches durch HIERONYMUS FORMSCHNEIDER in Nürnberg „auff verlegung“ von DÜRERS Witwe vollendet, wie der Schlussschrift zu entnehmen ist. Ein faszinierendes Dokument für die Entstehungsgeschichte dieses epochalen Werkes der Kunstliteratur und zugleich ein interessantes Beispiel für die Überlieferung des DÜRER’schen Nachlasses ist die Dresdner Dürerhandschrift (Mscr. Dresd. R 147 f).

Es handelt sich um einen heute 228 Blatt starken, goldverzierten Kalbslederband mit den Maßen 30 cm x 21 cm. Der Buchblock besteht aus zwei Teilen von leicht unterschiedlichen Abmessungen:

1) DÜRERS eigenhändiger Reinschrift zum ersten der „Vier Bücher von menschlicher Proportion“ samt Illustrationen (88 Papierblätter – darunter ein Leerblatt – mit den Maßen 28 cm x 20 cm) [1, Bd. 3, S. 164 – 217] und

2) dem so genannten Dresdner Skizzenbuch (140 – davon 32 leere – Papierblätter mit den durchschnittlichen Maßen 29,4 cm x 20,5 cm) [2 bis 4].
Dagegen wird „um so“ nach unerforschlichem Reformerwillen zusammengezwungen, gefolgt von weiteren sss-Greueln:
Einige Pentimenti [Künstlerkorrekturen] bei den Umrisslinien an Brust, Bauch, Kreuz, Fuß und Hand der Seitenansicht sowie in der Hüftgegend der Vorderansicht lassen DÜRERS sorgfältig konstruierende Hand umso deutlicher spüren. Die Seitenansicht, deren horizontale Linien genau mit denen der nebenstehenden Vorderansicht korrespondieren, wurde im Druck 1528 auf eine eigene Seite gestellt, um mehr Platz für die senkrechten Messstrecken und die Beschriftung zur Verfügung zu haben. Dafür wurde die Rückansicht, die in der Dresdner Handschrift die Rückseite des Blattes (Bl. 86v) einnimmt, neben die Vorderansicht platziert....
Die Hauruck-Eindeutschung des frz. placer/plazieren wirkt hier deplaziert. Unerwartet genierlich für die Zeit sind im Original die dialektalen Verfeinerungen für die Drucklegung:
Manche von DÜRERS Bezeichnungen der für die Messung wesentlichen Punkte des Körpers wurden im Druck hochsprachlich geglättet: die „arspacken“ werden zum „hindern“ und das „schwenzle“ zum „gemecht“. ...
Und wieder macht sich das Ministerium für komische Wortspaltungen bemerkbar:
Das so genannte Dresdner Skizzenbuch enthält etwa 445 größtenteils eigenhändige, mitunter datierte und mit DÜRERS Monogramm bezeichnete, zuweilen von Notizen begleitete Federzeichnungen, von einer späteren Hand zusammengetragen und ansatzweise geordnet, teilweise auch aufgeklebt oder zusammenmontiert.
Gefühlt 85 Prozent der „Reform“ machen aber die neuen ss nach Heyse aus, darunter eben die greulichen Dreifach-s:
Die gegenüberstehende Studie eines Mannes mit ausgestrecktem Arm (Bild 2) [4, Nr. 87] bereitet eine Illustration zum zweiten Buch der Proportionslehre vor, worin DÜRER den menschlichen Körper nach dem von ALBERTI benutzten „Exempeda-Verfahren“ mit einem Messstab von einem Sechstel der Körpergröße misst.

slub.qucosa.de
Bis zu 85 Prozent der Deutschen lehnten einmal diese „Reform“ ab. Heute sieht sieht man, was Politiker und Medienmoguln mit Kindergeiselnahme, Dauerindoktrination und mit in ihren Amtssesseln festsitzenden „Arspacken“ erreichen können.

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Sigmar Salzburg
18.07.2017 11.50
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Das Kloster Cismar und die Basilika in Altenkrempe

Am vergangenen Samstag konnte ich mit dem Kieler Kulturverein „Historische Landeshalle“ an einer Exkursion zu bedeutenden Kulturbauten auf der schleswig-holsteinischen Halbinsel Wagrien teilnehmen: Gut Hasselburg, Kloster Cismar und die Altenkremper Kirche. Es war zugleich eine Rückkehr zu Stätten meiner Jugend. Im Gebäude des Klosters Cismar bin ich von 1951-1955 zur Schule gegangen, und 1962 habe ich mit einer Kommilitonin im Rahmen des Architekturstudiums eine vollständige Bauaufnahme der Altenkremper Basilika gemacht.

Das Kloster Cismar war um 1200 als Außenstelle des Lübecker Klosters gegründet worden. Anlaß waren angeblich unsittliche Zustände unter den Mönchen und Nonnen in Lübeck. Zugleich sollte die Christianisierung der in Wagrien lebenden Slawen vorangetrieben werden. Der Chronist Helmold von Bosau (ca. 1120-1170) bezeichnete die Gegend als „spelunca latronum“, Räuberhöhle. Die Attraktivität des Klosters wurde gesteigert durch etliche Reliquien, die in einem Schrein aufbewahrt wurden, der heute als ältester Flügelaltar Deutschlands erhalten ist.

Nach der Reformation war Johannes Stricker ab 1561 Pastor in Cismar und übernahm 1575 das Pastorat seines Geburtsortes Grube dazu. Das Pastoratshaus von 1569 habe ich noch an seinem richtigen Standort erlebt (jetzt im Freilichtmuseum bei Kiel). Stricker mußte 1584 nach Lübeck fliehen, weil er den Lebenswandel des Adels angegriffen hatte. Eine Frucht dieser Auseinandersetzung wurde sein mittelniederdeutsches Bühnenstück „De düdesche Schlömer“, der das bekannte Jedermann-Thema vorwegnimmt. Heute ist es ein Denkmal der niederdeutschen Sprachgeschichte. Auch der Name des Verlegers, Johann Balhorn, läßt aufhorchen.




Das Kloster Cismar wurde, säkularisiert, zur Hälfte mit eingezogenen Geschossen als Amtsgebäude verwendet, der Altar überlebte die Verwendung des Kirchenraums als Kuhstall. Nach dem Kriege wurden die Räume des zweiten Obergeschosses für den Schulunterricht des Gymnasiums Oldenburg genutzt. In die Mitte des Klosterhofs war als „Friedenseiche“ eine Kastanie gepflanzt worden, die ich noch als dürres Zweiglein in Erinnerung habe und die jetzt ein stattlicher Baum mit einem beträchtlichen Stammumfang ist.


Eigenes Werk von Gurkentee, CC BY-SA 2.0 de, commons.wikimedia
Cismar Kloster im Januar 2006

Etwa 20 km südwestlich von Cismar liegt der kleine Ort Altenkrempe. Er besteht heute nur aus wenigen Häusern und wird von der spätromanischen Kirche in rotem Backstein überragt. Sie ist eine Basilika mit einem massiven Turm, aber ohne Querschiff. Das Gebäude ist wohl kurz vor 1200 mit dem Chor begonnen worden, dessen Fenster mit ihren Spitzbögen schon den Übergang zur Gotik andeuten. Am Anschluß zum Langschiff befinden sich noch alte Fachwerkreste. Die paarigen Fenster lassen darauf schließen, daß von Anfang an eine Überdeckung mit Steingewölben geplant war.

Was mich bei der Bauaufnahme erstaunte war, daß die ursprüngliche Einmessung des Grundrisses eher nach Augenmaß erfolgt sein mußte, wie die Abweichungen der Säulenstellungen vom Schema ergaben. Das Gebäude ist fast noch im Urzustand erhalten. Die innere Ausstattung aus späterer Zeit wurde schon bei der ersten Renovierung um 1900 entfernt.



Holger.EllgaardEigenes Werk, CC-BY-SA 4.0
Basilika Altenkrempe

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Sigmar Salzburg
14.05.2017 07.48
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450. Geburtstag

Claudio Monteverdi

Am 15. Mai 1567 wurde Claudio Monteverdi in Cremona getauft. Er kam bald in die Lehre des dortigen Dommusikers Marc'Antonio Ingenieri und veröffentlichte bereits mit 15 Jahren sein erstes Madrigalbuch. 1590 wechselte er an den Hof der Gonzaga in Mantua. Dort führte er 1607 die erste vollgültige Oper auf, die zugleich den urmusikalischsten Mythos, Orpheus, zum Inhalt hatte. Seine Musik verwendete die neuartige Monodie, nichtregelhafte Dissonanzen, und er schuf den »stilo concitato«, der die Affekte der Texte in Musik umzusetzten suchte.

300 Jahre lang war Monteverdis Musik im Konzertleben nicht präsent und schließlich nur bruchstückhaft in spätromantischer Wiedergabe. Wikipedia unterschlägt, daß Paul Hindemith 1954 einer der ersten war, die eine Wiedergabe im Originalklang anstrebten. Das war mir Vorbild, obwohl ich seitdem noch einiges mehr über die alten Instrumente erkundet habe.

Wenn heute soviel davon die Rede ist, daß Europa ohne die EU in nationalistische Kleinstaaterei zerfallen würde, dann muß daran erinnert werden, daß die Kultur auch vor vierhundert Jahren schon lange gesamteuropäisch war. Michael Praetorius hatte in Wolfenbüttel bis 1619 die damaligen Partituren Monteverdis studiert und schrieb, daß »Sonderlich jetziger zeit / da die Music ſo hoch gestiegen / das faſt nicht zu gleuben / dieſelbe nunmehr höher werde kommen können ... « und daß »ſonderlich in Italia / auß derma­ſſen viel
Musikaliſche Compoſitiones vnnd Geſänge / ſo gar vff ein andere Art / Manier vnd Weiſe / alß vor der zeit / auffgeſetzet / vnd mit jhren applicationibus an Tag kommen vnd zum Truck verfertiget ſein vnd noch werden ...«

Auf einer Italienreise 1981 mit meiner späteren Ehefrau ließ ich im Auto eine Kassette mit einem Sammelsurium alter Musik laufen. Gänzlich vergessen hatte ich, daß ich am Schluß einige Stücke aus dem „Orfeo“ aufgenommen hatte, um den Chitarrone-Part für die nächste Aufführung zu üben. Als wir uns den Toren Mantuas näherten, setzte überraschend die Eingangsfanfare der Gonzaga aus dem „Orfeo“ ein. Es kam mir vor wie ein Fingerzeig der alten griechischen Götter.




Siehe auch »Zefiro torna

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Sigmar Salzburg
09.04.2017 08.08
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Max Reger

Vor sechzig Jahren hielt in der Aula unseres Gymnasiums der Lehrer unserer Parallelklasse einen Vortrag anläßlich des vierzigsten Todestages von Max Reger (1873-1916). Damals, erinnerte er sich, habe sein Vater ihn an die Hand genommen und gesagt: „Heute ist der größte Komponist Deutschlands gestorben.“ (Kann man sich vorstellen, daß heute Eltern ihrem Nachwuchs einen größten lebenden deutschen Komponisten nennen könnten?) Die Neue Musik-Zeitung berichtete zum hundertsten Todestag im letzten Jahr:

Auf dem schwierigen Weg, Max Reger zu verstehen – Kurzfestival zum Gedenkjahr in Mainz

... In seinem Einführungsvortrag zeichnete Birger Petersen, Professor für Musiktheorie an der Hochschule für Musik, ein lebendiges Porträt des Komponisten, ließ aber die Frage nach seiner Bedeutung für Musikgeschichte und Konzertleben offen. Deutlich wurde Regers exzessiver Lebensstil: Arbeitswut, Selbstdarstellungsdrang und die starke Bindung vor allem an die Orgel, der je nach Lebensphase unterschiedlich starke Missbrauch von Alkohol, Nikotin und wohl auch Morphium, die extreme Dünnhäutigkeit und die zur Schau getragene Raubeinigkeit, der vorzeitige Tod mit 43 Jahren – eigentlich passt diese Biographie zu einem heutigen Rockstar, nicht zu einem „seriösen“ Klassiker...
Unter den frühen Komponisten herrschte eine gewisse gegenseitige Ideen-Raub-Einigkeit und es war durchaus ehrenvoll, ein Thema eines Kollegen aufzugreifen. So beklaute Telemann ohne Bedenken seinen Freund Händel. Allerdings konnte dieser auch recht rauhbeinig sein. In seiner Hamburger Zeit focht er in einem Streit mit dem Degen gegen Johann Mattheson, und nur ein metallener Rockknopf rettete sein Leben.
Regers schlichter A-capella-Chorsatz op. 138 Nr. 1 „Der Mensch lebt und bestehet nur eine kurze Zeit“ aus den „Acht Geistlichen Gesängen für gemischten Chor“ ging direkt über in das düstere Requiem op. 144 b „Seele, vergiß sie nicht, vergiss nicht die Toten“ für Gesangssolo, Chor und Orchester auf einen Text von Friedrich Hebbel...
Seit 1903 hatte jedoch Richard Strauss für verbesserte Urheberrechte gekämpft und sogleich einen arglos strauss-variierenden Komponisten verklagt. Reger konnte also nur auf ältere Werke zurückgreifen und war daher gezwungen, die berühmten Mozart-Variationen zu komponieren:
Zwischen die beiden Chorwerke op. 144 hatte das Programm achsensymmetrisch die „Mozart“-Variationen op. 132 platziert, deren Anlage (mit einer in den Wiedereinsatz des Themas mündenden Fuge) Benjamin Britten als Modell für seine Purcell-Variationen „The Young Person's Guide to the Orchestra“ gedient haben dürfte.
nmz – neue musikzeitung-25.11.2016
Max Reger. Variationen und Fuge in A-Dur über ein Thema von Mozart Op. 132. (Böhm)
https://youtu.be/-mVQxR9Ll9U
...mit der großen Fuge ab Min. 24.

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Sigmar Salzburg
09.02.2017 13.48
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Barockstadt Dresden

Die Erinnerung an den Dresdener Feuersturm des 13. Februar 1945 ist den Regierenden ein Dorn im Auge, weil viele Bürger das wenige materiell und ideell Gerettete für sich bewahren wollen – obwohl „Dresden keine unschuldige Stadt“ war (OB Hilbert).

Das konnte man nun gut durch die Schnapsidee eines syrisch-deutschen Künstlers karikieren, eine mit aufrechtstehenden schrottreifen Bussen errichtete Barrikade „zum Schutz der Bürger“ aus Aleppo nachzubauen. Da irgendwie „gegen Rechts“ gerichtet, kam der nötige „fünfstellige“ Betrag schnell zusammen.

Es stellte sich heraus, daß die originale Barrikade ein Werk der terroristischen Ahrar-Milizen war, denen der junge Künstler wohl nicht allzu fern steht. Er hatte zunächst in Damaskus studiert und war dann, wie viele, dem syrischen Wehrdienst entflohen und hatte seine Kunstübungen in Dresden fortgesetzt.

Eins seiner Objekte stellt den arabische Schriftzug „al kaed“, „der Führer“ dar, genauer wohl
القائد „al qa’id“, was allerdings nur Europäer an „al Qa’ida“ erinnert:

The Leader ( Al Kaed ) relief in arabic calligraphy.
„During my school days in Syria one of our daily duties was to greet the eternal leader. After that we ware aloud to enter classes.“
In einem anderen „Kunstwerk“, einem fiktiven Kartenwerk „What if“, stellt er sich die Kolonisierung Europas von der osmanischen Welt aus vor:
„Die entstandenen Kampfkarten, Verzeichnen den lauf der Truppen und dessen verschiedenen Verbänden so wie wichtige Militärische Ziele. Die neu Eroberten Städte werden Teils umbenannt oder übersetzt. Lädiglich ein Par Große Städte dürfen ihren Namen behalten.“
Das kann bei den hiesigen Deutschlandabschaffern nur Begeisterung hervorrufen.

Nachtrag: Imad Karim hat dem „Busskünstler“ direkt geschrieben.

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Sigmar Salzburg
25.12.2016 14.26
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Beste Weihnachtswünsche

Heute morgen tönten über den Dächern von Kiel von allen Seiten Kirchenglocken. Das sollte unter Kultur- und Denkmalschutz gestellt werden, auch wenn es fundamentalistischen Atheisten und Islamisten nicht gefällt. Seit dem Mittelalter erhielten die europäischen Kirchen große Glockengeläute. Berühmt war das Geläut zu Speyer, das auch den Komponisten Ludwig Senfl (1490-1543) zu einem tonmalerischen sechsstimmigen Satz anregte.



Der Text dazu lautete in der damaligen (ss-reformfreien) Rechtschreibung:

Das Geläut zu Speyer

[Primus discantus] Nun kumbt hierher all und helft mir einmal, in diesem Saal, wem’s Läuten g’fall’ und siecht an bald, treibt wenig G’schall, Gling, glang... Nit irret mich, sunst hör’ auf ich. Flux fu der dich. Gling, glang... Ich mag nicht läuten lang. Gling, glang... Bitt’ ich mir sag’, was ist für Tag, daß man so läut’. Gling, glang... Solch’s G’läut macht mich betör’n, ich mag mich selbst nit hörn. Schau’ eben auf, zeuch gleich mit auf. Gling, glang... Nun läut’ zam in Gottes Nam. Wer kommen will, darf G’läuts nit viel, mag hertreten ungebeten zue der Metten.

[Secundus discantus] Gling, glang... Laßt mehr angeh’n, da müeßt ihr zue mir herstehn, Gling, glang... Mit unsern Glocken laßt zammenlocken, ziecht unerschrocken. Gling, glang... Wiewohl zwar Andacht bloß Gott’sdienst ist groß geet über ’s G’läut’ am Kirchtag heut’. Gling, glang... Die Schuler kommen schon, Glocken brummen habt viel Singens, gilt Anbringens, so Pfarrer aufsteht, gen Opfer geht.

[Altus] Kumbt her all, kumbt her, und helft mir, Meßner. Ziecht an, ziecht an, wehr mag und kann. Zue dem Fest, tue das Best’. Drumb ich bitt’, spar euch nit. Jedermann soll hergon. Laßt aufgahn, nicht klagt’ an, noch nicht fliecht, ziecht an, ziecht, streckt die Arm’, macht euch warm. Gling, glang... So Hans und Paul, ziecht seid nit faul. Wie schnauft ihr mit dem Maul? Gling, glang... Nit ziecht so schnell, so klingt’s baß hell. So fein greift drein. Gling, glang, mar mir maun, bum... Nun läut’ zammen in Gott’s Namen, Wer will kummen, hat’s vernummen. An dem Fest heut’ hab’ wir lang g’läut. Mur maun.

[Tenor] Mur, maun... Nun kumbt, ihr Knaben all, greift an und läut’ einmal, daß Glockschall’. Mar mir mur maun... Streck’ an, streck’ an, was ein jeder mit der Macht kann. Mar mer mur maun, gling, glang... Seht zue mit und klenkt mit. Mur maun, gling glang... So läut’ guet Ding, daß’s tapfer kling’, Maus, her an Ring, das Opfer bring’, weil man das Amt singt. Mar mer mur maun.

[Tenor secundus] Mir, mur, maun... Ziecht an, lieben gesellen, die mit mir läuten wöllen. Mir, mur, maun, Nu zue diesem Fest tuet allsambt das Best’, nehmt hin Strick’ und Seil, zeicht an resch, mit Eil’. Mur maun... So tuet zammsteh’n, last’s wohl aufgeh’n, daß so viel zwen. Gling glang... Jan’s auch anfang’s. Jetzt klingt’s wohl und geht ganz recht. So, so mein Knecht. Mur maun... Hui, nun läut’ zusamm in Gottes Nam’. Wer kumbt, der kumbt, Hans, tue dich munter umb, daß Glock’ entbrumm und schau’ mit zue, daß’s Seil nit brechen tue. Mur maun...

[Bassus] Mur, maun, mur, maun, mur, maun, bom, mur, maun, bom; mur, maun, bom, mur, maun, bom, mur, maun, bom, mur; maun, bom, mur, maun, bom, mur, maun, bom, mur, maun; bom ...

[Auch witzig, hier ( https://youtu.be/sZshuUWcqfE ) in pantomimischer Darstellung.]

Allen ein besinnliches Weihnachtsfest!

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Sigmar Salzburg
07.09.2016 06.03
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„Luther, Bach – und die Juden“.

Im Wahlgetümmel ging ein Beitrag Michael Klonovskys etwas unter. Er untersucht in seinen „Acta diurna“ vom 4. September 2016 noch einmal ausführlich die Stichhaltigkeit der peinlichen Eisenacher Veranstaltung „Luther, Bach – und die Juden“.

Bach wäre bekanntlich lieber Hofkapellmeister geblieben, hat dann aber pflichtgetreu sein Amt als Thomaskantor ausgeübt. Dazu gehörte auch die Vertonung biblischer Texte, die sich weder Bach noch Luther ausgedacht hatten, sondern die um 100 n.Chr. die religiöse Rechthaberei zwischen dem authentischen Judentum und der christlichen Ablegersekte widerspiegeln. Fast zweitausend Jahre später ist die Nach-68er-Generation darauf dressiert, in jedem Kunstwerk ur-nazistische Giftstoffe zu erschnüffeln. Aber nicht alle der angeblich so Begünstigten sind damit glücklich. Klonovsky zitiert einen Ungenannten:

Und Leser ***, Musikwissenschaftler und Jude, nimmt vor allem auf einen Artikel in der Welt Bezug, der unter der Überschrift „Warum Bach ein Antisemit war“ mit Julius-Streicher-Charme loslärmt: „Wenn das Reformationsjubiläum beginnt, sollen die braunen Ecken ausgefegt sein. Bach ist nun auch bearbeitet. Die Eisenacher Ausstellung 'Bach, Luther – und die Juden' überführt ihn als Antijudaisten.“ Worauf *** repliziert: „Irgendwie erinnert mich dieser Säuberungszwang sowie die Erfolgsmeldung des Autors an einen anderen Text: ‚Die Reinigung unseres Kultur- und damit auch unseres Musiklebens von allen jüdischen Elementen ist erfolgt.’ (Theo Stengel und Herbert Gerigk, Lexikon der Juden in der Musik, Berlin 1940, S. 5).“

Der Welt-Text verdient aufgrund seiner Wesensverwandtschaft mit dem, was er zu bekämpfen vorgibt, etwas mehr Raum.

Klonovsky, hier 4.9.2016 + welt.de 25.6.2016
Welch eine Absurdität: 1724 wird Bachs Johannispassion uraufgeführt, 200 Jahre später erwirbt Hitler billigen braunen Uniformstoff für seine SA, 292 Jahre später sehen Forscher und Feuilletonisten „braune Flecken“ auf Bachs Werk – Geisterseherei, wie sie leibt und lebt!

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Sigmar Salzburg
22.08.2016 09.32
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Mali: Ist die Zerstörung von Weltkulturerbe ein Kriegsverbrechen?

Islamistische Terroristen hatten Weltkulturerbestätten in Timbuktu zerstört. Der Internationale Strafgerichtshof wirft dem Verantwortlichen deshalb Kriegsverbrechen vor...

Der Islamist Ahmad al-Faqi al-Mahdi soll 2012 die Zerstörung von neun Mausoleen und eines Teils der Sidi-Yahia-Moschee in der Wüstenstadt im Norden Malis angeordnet haben. Die Anklage des Internationalen Strafgerichtshofes wirft ihm Kriegsverbrechen vor.

Laut Staatsanwaltschaft wurde al-Mahdi als Experte für islamisches Recht und damit als Sittenwächter von der islamistischen Rebellengruppe Ansar Dine eingesetzt. Nach deren äußerst strenger Auslegung des Koran ist die Anbetung Heiliger wie an den Mausoleen von Timbuktu verboten.

Zu Beginn des Prozesses hat sich der Angehörige des Tuareg-Volkes schuldig bekannt. Er lege sein Schuldbekenntnis mit „tiefem Bedauern und in großem Schmerz“ ab, sagte al-Mahdi in Den Haag.
zeit.de 22.8. 2016

Es ist ein Kulturverbrechen wie die Rechtschreib„reform“. Ein Kriegsverbrechen wird es erst dadurch, daß die Zerstörung mit Waffengewalt unter Ausnutzung der Machtlosigkeit der Bevölkerung geschah (letzteres wie in Schleswig-Holstein 1999). Immerhin hat sich der Urheber schuldig bekannt. Darauf können wir, abgesehen von Zehetmair, bei den gewesenen Kultusministern und Ministerpräsidenten lange warten.

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Sigmar Salzburg
12.08.2016 06.57
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Fehlplanungen

Das Opernhaus in Sydney ist mehr als drei Milliarden Euro wert – aber die Akustik war stets zum Weghören. Das soll sich jetzt ändern.

„Das Äußere ist ikonisch, aber was in dem Gebäude passiert, erweckt es zum Leben“, sagte die Geschäftsführerin des Opernhauses, Louise Herron. Insbesondere die Konzerthalle mit 2600 Plätzen soll modernisiert werden: „Das ist keine schlechte Halle, aber es gibt viele Eigenschaften, die verbessert werden könnten.“ Das gilt vor allem für die schlechte Akustik, die immer wieder kritisiert wurde. Auch der Orchestergraben gilt schon seit der Eröffnung des Hauses 1973 als viel zu klein...

Überhaupt weist der Bau des Opernhauses erstaunliche Parallelen zu den Skandalen um die Elbphilharmonie in Hamburg auf. Auch in Sydney stiegen die Baukosten in astronomische Höhen – von sieben Millionen Australischen Dollar auf 121 Millionen. Der dänische Architekt Jørn Utzon verließ nach jahrelangen Kämpfen und Intrigen das Land, ohne dass klar war, wie die gewagte Dachkonstruktion gebaut werden sollte....

Heute zählt das Opernhaus in Sydney zum Weltkulturerbe und wird jedes Jahr von mehr als acht Millionen Menschen besucht.

spiegel.de 11.8.2016

Die Elbphilharmonie brachte allerdings nur eine Verdreifachung der Kosten, wohingegen das Opernhaus das 17fache der Anschlagssumme verschlang. Das wird nur übertroffen von der Rechtschreib„reform“, die ja von einer kostenneutralen Durchsetzung ausging. Dafür wird sie auch nie Weltkulturerbe werden, denn sie hat im Gegensatz zum Operhaus auch ästhetisch nichts zu bieten.

Die bühnentechnischen und akustischen Mängel des Opernhauses hatte uns anhand der Pläne aber schon 1964 der 84jährige Prof. für Bühnentechnik, Friedrich Kranich, in seiner letzten Vorlesung vorausgesagt. Er hatte jahrzehntelang als Nachfolger seines Vaters auch das Festspielhaus in Bayreuth betreut. Nach 52 Jahren hat man nun in Sydney daraus Konsequenzen gezogen.

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Sigmar Salzburg
10.03.2016 21.38
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Zum Tod von Nikolaus Harnoncourt

Harnoncourt: Aufregend von Bach bis Strauß ...

Am Wochenende ist der Dirigent Nikolaus Harnoncourt im Alter von 86 Jahren gestorben. Wie wohl kein anderer hat er das Stilempfinden und die Hörgewohnheiten der Klassikfreunde entscheidend mitgeprägt, sie mit scharf geschnittenen Klängen jenseits des romantischen Schönheitsideals seit den 60er-Jahren wachgerüttelt.

Ohne Harnoncourt hätten wir einen großen Teil des barocken und vorbarocken Repertoires nicht kennengelernt, oder nicht in jener Qualität lieben und schätzen gelernt. Dass er seine Erkenntnisse in Sachen Originalklang bald auch auf die Wiener Klassik und zuletzt sogar auf die Musik der frühen Moderne anwandte, hat viele irritiert. Harnoncourt hat zudem nie davon abgelassen, auch seine Interpretationen immer wieder zu hinterfragen, neu zu definieren. So klang die Musik unter seiner Leitung jedesmal ein bisschen anders.

diepresse.com 7.3.2016

Allerdings habe ich mich nie mit seinem tänzerischen Tempo für das erste Ritornell im „Orfeo“ anfreunden können. Es sollte einen nachdenklich-feierlichen Charakter haben. Auch die Original-Partitur deutet kein Alla breve an.

NB: Google News registriert noch 37700mal das von den Kulturbanausenministern verbotene „jedesmal“. Heute gibt es dazu eine Anmerkung von Th. Ickler.

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Sigmar Salzburg
29.02.2016 13.30
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Lady Hamilton

Die Società Dante Alighieri – Deutsch-Italienische Gesellschaft Kiel
veranstaltete am vergangenen Freitag in der Landesbibliothek einen Vortrag mit dem Titel


„Das Leben der Lady Hamilton im Königreich Neapel zwischen 1786 und 1800“.

Vortragender war der Altsprachler und Kunsthistoriker Peter Petersen. Selten habe ich einen kenntnisreicheren und kurzweiligeren Vortrag gehört als diesen. P. Petersen schrieb dazu:

Der Vortrag wird sich in erster Linie auf ihre Zeit in Neapel als Lebensgefährtin und spätere Ehefrau des englischen Gesandten und Gelehrten Lord Hamilton und als Geliebte von Lord Nelson beschränken. Dabei werden nicht nur das Leben dieser ungewöhnlichen Frau an der Seite von Lord Hamilton oder ihre berühmt gewordenen Begegnungen zum Beispiel mit Mozart, Goethe oder der Herzogin Anna Amalia von Sachsen Weimar-Eisenach in den Blick genommen, sondern es soll auch ihre herausragende gesellschaftliche Rolle in der Oberschicht und im Königshaus von Neapel oder ihr europaweites Wirken als anerkannte Attitüden-Darstellerin und Sängerin illustriert werden...
Aus dem Begleitheft:
Goethe am 14. und 15. März 1787
Besuch im Hause Hamilton in Caserta während einer „Abendgesellschaft“, einer sog. „conversazione“ über „Hamiltons Schöne“:

Der Ritter Hamilton, der noch immer als englischer Gesandter hier lebt, hat nun, nach so langer Kunstliebhaberei, nach so langem Naturstudium, den Gipfel aller Natur- und Kunstfreude in einem schönen Mädchen gefunden... Er hat sie bei sich, eine Engländerin von etwa 20 Jahren. Sie ist sehr schön und wohl gebaut.

Der Maler Tischbein beschreibt sie folgendermaßen:
„… Eine außerordentliche Schönheit, die man selden siehet und die einzige, die ich in meinem Leben gesehen habe.

Der sittenstrenge Herder nannte sie nur kurz in einem Brief an seine immer eifersüchtige Frau:
H[amiltons] Hure
Aus Goethe, Italienische Reise II, 18. März 1787:
»Er hat ihr ein griechisches Gewand machen lassen, das sie trefflich kleidet; dazu löst sie ihre Haare auf, nimmt ein paar Schals und macht eine Abwechslung von Stellungen, Gebärden, Mienen usw., daß man zuletzt wirklich meint, man träume. Man schaut, was so viele tausend Künstler gerne geleistet hätten, hier ganz fertig, in Bewegung und überraschender Abwechslung. Stehend, kniend, sitzend, liegend, ernst, traurig, neckisch, ausschweifend, bußfertig, drohend, ängstlich usw. Eins folgt aufs andere und aus dem andren. Sie weiß zu jedem Ausdruck die Falten des Schleiers zu wählen, zu wechseln und macht sich hundert Arten von Kopfputz mit denselben Tüchern. Der alte Ritter hält das Licht dazu und hat mit ganzer Seele sich diesem Gegenstand ergeben. Er findet in ihr alle Antiken, alle schönen Profile der sizilianischen Münzen, ja den belvederischen Apoll selbst ...«
Diese „Attitüden“, die vom Maler Friedrich Rehberg festgehalten und später als „Umrissstichserie“ herausgegeben wurden, fanden in ganz Europa Verbreitung. Auch die neapolitanische Villa Lord Hamiltons wurde kopiert – in Wörlitz durch den Herzog Leopold III. Franz, einschließlich der Nachbildung des Vesuvs in Miniaturausgabe.

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Sigmar Salzburg
24.08.2015 09.28
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Welterbestätte in Syrien

IS-Terroristen sprengen Baalschamin-Tempel in Palmyra
Die Terrororganisation „Islamischer Staat“ hat einen der bedeutendsten antiken Tempel des Nahen Ostens zerstört. Der Baalschamin-Tempel von Palmyra wurde vor 1900 Jahren errichtet, nun haben die Dschihadisten ihn gesprengt.
spiegel.de 24.8.2015

… und unsere kulturbanausischen Kulturpolitiker haben unser seit 600 Jahren bestehendes Schluß-ß-System gesprengt – wie sich doch beschränkte Geister gleichen.

Nachtrag: Nicolaus Fest drängen sich ähnliche Gedanken auf:
Im Grunde erleben wir auch hier seit Jahren täglich die Kultursprengungen von Palmyra. Nur heißen sie hier Rechtschreibreform, Einheitsschule, Bologna oder frühkindliche Sexualerziehung. Und die Täter sitzen in der Schulbürokratie und bei der GEW.
nicolaus-fest.de 25.8.2015


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Sigmar Salzburg
18.06.2015 10.34
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Gut Ludwigsburg

Am letzten Wochenende hatte ich die Gelegenheit, in der Nähe von Eckernförde Gut Ludwigsburg zu besichtigen.


Quelle: Website Ludwigsburg

Das Gut wurde im 14. Jahrhundert durch die Familie Sehestedt begründet, die dort einen Wirtschaftshof und eine kleine Wasserburg errichten ließ. Der ursprüngliche Name war Kohøved (Kuhhof). Das Anwesen wechselte vielfach den Besitzer, bis es 1729 durch Graf Friedrich Ludwig von Dehn erworben wurde, der 1740 das heutige Herrenhaus errichten ließ. 1762 wurde er vom dänischen König zum Statthalter in Schleswig-Holstein ernannt. Nach seinem Tod 1771 folgten wieder verschiedene adlige Besitzer, bis es 1950 von der Familie Claus gekauft wurde, die es mit viel Liebe und Mühe restaurierte.

Eine besondere Kostbarkeit in diesem Gebäude ist die sogenannte „Bunte Kammer“, ein Raum, der mit 145 Emblem-Bildern vertäfelt ist, die Sinnsprüche, in verschiedenen Sprachen, und Lebensweisheiten darstellen. In dieser Vollständigkeit ist diese Sammlung in Europa einzigartig.


Quelle: Website Ludwigsburg

Embleme waren im Barockzeitalter Kristallisationspunkte, an denen die gebildete Gesprächskultur ihre Themen finden konnte. Sie waren seit etwa 1500 durch Emblem-Bücher, von Italien ausgehend, über ganz Europa verbreitet und wurden vielfach in Bildern und Büchern verwendet.

Auf Gut Ludwigsburg gilt der Leitspruch: „Omnia vincit Amor“, so daß der kleine, nackte Liebesgott die Hauptfigur der meisten Bilder ist. Das Bild zum Spruch stellt den kindlichen Gott, mit Pfeil und Bogen bewaffnet, auf einem Löwen reitend dar. Es ist die Versinnbildlichung des Verses aus der XI. Ekloge des Ovid: „Omnia vincit Amor et nos cedamus amori“ ... „Die Liebe besieget alles, so wollen auch wir uns der Liebe fügen.“

Etwas deftiger ist die Darstellung eines deutschen Reimsprichworts „Drey gefährliche W“ (Drei W gar bringen uns viel Pein: die Weiber, Würfel und der Wein!): Eine nackte Frau hält in der einen Hand ein Weinglas, zeigt mit der anderen auf die Würfel auf dem Tisch, während im Hintergrund der Alkoven wartet.

Amor führt eine Dame an der Hand: „Nessuna amata e brutta“ ( keine Geliebte ist häßlich); Bedeutung: Liebe macht blind.

Lokaler Bezug wird deutlich, wo über der Darstellung des Schlosses Gottorf drei verschlungene Kränze – Ölzweig, Lorbeer und Eichenlaub – schweben, als Symbole für Kunst, Weisheit und Tapferkeit im Dienst des Vaterlandes. Die Überschrift besagt: „Diese Cronen wil ich haben, oder müß man mich begraben“.

In der Mittagspause wurde uns, von der Goethe-Gesellschaft arrangiert, ein Spargelessen serviert, zu dem die bekannte Autorin Jutta Kürtz einen Vortrag „Goethe und der Spargel“ oder so ähnlich hielt. Nachmittags ging es dann nach St. Marien in Waabs, eine einst zum Gut gehörige, um 1400 erbaute Kirche, die ich aber schon kannte, weil dort Musikerkollegen eine Woche vorher alte Lautenlieder vorgetragen hatten.


http://www.gut-ludwigsburg.de
https://de.wikipedia.org/wiki/Gut_Ludwigsburg

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