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Unwichtige Geschichtsfälschungen
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Sigmar Salzburg
24.03.2017 21.14
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Spiegel online zu Walsers Neunzigstem

Wenn der Kulturredakteur des Spiegel (oder sein Korrekturautomat) alle alten Zitate in die „neue“ Rechtschreibung umsetzt, ist es Zitatenfälschung. Wenn er „schrieb“ o.ä. dazusetzt, werden daraus Lügenfälschungen:

Martin Walser und seine Kritiker
Ein bisschen hinrichten
Sein Zerwürfnis mit Marcel Reich-Ranicki ist legendär – aber Martin Walser hatte nie ein einfaches Verhältnis zur Literaturkritik. Erinnerungen von Volker Hage zum 90. Geburtstag des Schriftstellers.


Freitag, 24.03.2017 17:04 Uhr

Es begann mit einem Leserbrief. Er schickte ihn im Februar 1964 von Friedrichshafen nach Hamburg. Das Thema: Marcel Reich-Ranicki, der zuvor im SPIEGEL ordentlich gerupft worden war... Mit Mitte dreißig, in seinem Leserbrief, war der emporstrebende Schriftsteller kämpferischer gestimmt. „Der blinde, einsträngige Indikativ ist sein bevorzugter Modus“, schrieb er dem SPIEGEL: „Urteilen, aburteilen und ein bisschen hinrichten.“
Spiegel-Lüge: Selbstverständlich hatte Walser „ein bißchen hinrichten“ geschrieben.
Über Rudolf Augstein, den er schon 1947 kannte und mit dem er später befreundet war, äußerte Walser sich erstmals 1987 im SPIEGEL. Den „Erfinder eines Hamburger Nachrichtenmagazins“ behandelte er nicht ohne Spott („Immer wieder kriegt er es hin, dass seine Sätze strahlen wie aus dem allerbesten Latein übersetzt“)...
In Walsers Laudatio steht natürlich im Original geschrieben:
Immer wieder kriegt er es hin, daß seine Sätze strahlen wie aus dem allerbesten Latein übersetzt. Einmal murmelt er eher schwermütig, der Publizist dürfe eigentlich gar nicht daran denken, "daß Cicero den Catilina erledigen, nicht aber Cäsar und dessen Alleinherrschaft verhindern konnte“. (Spiegel 8/1987)
Weiter in Spiegel-Neudeutsch:
Immer wieder wurde dabei Walsers Sprachkraft bewundert und das künstlerische Ergebnis bemängelt. Walsers auf „Halbzeit“ folgender Roman „Das Einhorn“, hieß es 1966, sei „so eloquent, dass es kaum noch auszuhalten ist. Der Roman selbst hält es nicht aus.“
Natürlich wurde wieder „nur“ ein „daß“ umgefälscht:
Walsers neuer Roman „Das Einhorn“, eine Art zweite „Halbzeit“, ist so eloquent, daß es kaum noch auszuhalten ist. Der Roman selbst hält es nicht aus. Gewiß, auch hier gibt es wieder Preziosen der Formulierkunst (Spiegel 37/1966)
In der Zeit des Wiedervereinigungs- und Rechtschreibumbruchs traten seltsam widersprüchliche Positionen zutage: Grass als Gegner der Wiedervereinigung blieb auch Gegner der Rechtschreib„reform“, während Walser trotz seiner Freude über die Wiedervereinigung schließlich Mitläufer der orthographischen Spalter wurde.
Tatsächlich war es ein gründliches, ein grundsätzliches Gespräch über Deutschland und die Rolle der deutschen Intellektuellen – die standen, wie Günter Grass, in jenen Tagen zu einem großen Teil der Wiedervereinigung skeptisch gegenüber. Walser dagegen erklärte, "dass für mich die Entwicklung, die jetzt zur Einigung geführt hat, das schönste Politische ist, was ich in meinem Leben erfahren habe“,
Walsers Rede wurde jedoch richtig so wiedergegeben:
WALSER: Also erst einmal muß ich wirklich deutlich sagen, daß für mich die Entwicklung, die jetzt zur Einigung geführt hat, das schönste Politische ist...(Spiegel 41/1990)
Auch hier kann sich der Kulturredakteur damit herausreden, daß er die Worte Walsers ja so gehört habe:
„Ich kenne keinen Schriftsteller, der lieber nach seinen politischen Auftritten beurteilt werden möchte als nach seinen Romanen“, sagte er fünf Jahre später zu mir, als ich für den SPIEGEL mit ihm sprach. „Die Forderung, dass bei einem Schriftsteller die Weltveränderungsbotschaft dabei sein müsse, ist eher eine Art von Gesellschaftsspiel.“
Im Spiegel kurz vor Beginn der Reformkatastrophe 1995 steht es jedoch so:
Walser: Ich kenne keinen Schriftsteller, der lieber nach seinen politischen Auftritten beurteilt werden möchte als nach seinen Romanen. Die Forderung, daß bei einem Schriftsteller die Weltveränderungsbotschaft dabeisein müsse, ist eher eine Art von Gesellschaftsspiel. (Spiegel 4.9.1995)
Das „Treffen an Goethes Geburtstag“ fand dann in Walsers Wohnort mit dem reformresistenten Namen Nußdorf statt, der nun reformlogisch „Nuusdorf“ auszusprechen wäre. Hier haben die nichtsnutzigen Politiker ihr Weltveränderungs-Gesellschaftsspiel nicht zuende zu spielen gewagt.
Dieses Treffen im August 1995 verdankte sich weniger einem aktuellen Anlass als einer alten Verabredung zwischen uns. Mein erster Besuch in Nußdorf am Bodensee, die erste persönliche Begegnung mit Walser, hatte genau zehn Jahre zuvor stattgefunden... ( spiegel.de 24.3.2017)
Man kann nun einwenden, daß hier sichtbar wird, wie harmlos das ganze „Reförmchen“ sei. Gerade das penetrante Dass-Deutsch zeigt aber, wie sinnlos dieser herostratische Anschlag auf die seit 600, 400 und 200 Jahren gewachsene Rechtschreibung war, in dem eine Handvoll Wichtigtuer und Politkasper hundert Millionen Deutschsprachige am Nasenring mitgezogen haben. Jetzt soll niemand mehr an die gute Tradition erinnert werden.

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Sigmar Salzburg
21.02.2017 21.46
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Zeitzeugen des Hungerwinters 1946/47

Und dann brach über Europa einer der strengsten Winter des 20. Jahrhunderts herein. Zwischen November 1946 und März 1947 sanken die Temperaturen auf bis zu minus 20 Grad. Die Elbe war komplett vereist, der Rhein auf einer Länge von 60 Kilometern. Damit war die Binnenschifffahrt lahmgelegt – die Versorgung mit Rohstoffen und Nahrung kollabierte.

Erst kommt das Fressen, dann die Moral

„Jeder besaß das nackte Leben und außerdem, was ihm gerade unter die Hände geriet. Kohlen, Holz, Baumaterialien. Jeder hätte mit Recht jeden des Diebstahls bezichtigen können. Wer in einer zerstörten Großstadt nicht erfror, musste sein Holz oder seine Kohlen gestohlen haben, und wer nicht verhungerte, musste auf irgendeine gesetzwidrige Weise sich Nahrung verschafft oder verschafft haben lassen.“

So beschrieb der aus Köln stammende Schriftsteller Heinrich Böll den Alltag im zweiten Nachkriegswinter: die Deutschen als „Gesellschaft von Besitzlosen und potenziellen Dieben“ im täglichen Überlebenskampf.

spiegel.de 20.2.2017

So hat es Heinrich Böll (1917-1985) natürlich nicht beschrieben. Er verwendete entweder die bewährte Duden-Rechtschreibung von 1901 oder die ß-lose, wie sie vielfach bei Lateinschrift üblich war.

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Sigmar Salzburg
05.02.2017 06.53
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Selbsterkenntnis!

Die Mitarbeiter im Krisenstab des Kanzleramts sind aufgewühlt. Sie haben ein Video vor sich, mit einem Mann in Unterhemd und Hose, er hat dunkle Ringe unter den Augen. Er hält ein Pappschild vor dem Bauch, auf dem steht: „Gefangener der R.A.F.“ Der Mann ist Hanns Martin Schleyer, Arbeitgeberpräsident, entführt von der Roten Armee Fraktion (RAF).


Dieser Artikel ist aus dem SPIEGEL
Heft 1/2017
70 Jahre SPIEGEL
Wut kann man sich erarbeiten




„Der Mann auf dem Bildschirm wirkte wie in Trance“, schreibt der SPIEGEL in seiner Titelgeschichte vom 12. September 1977. „Mit schleppenden, anscheinend von Drogen gehemmten Bewegungen blätterte (Schleyer -Red.) in der 'Stuttgarter Zeitung' und las mit erschöpfter Stimme außenpolitische Nachrichten vor. Er schien unverletzt, und auch Spuren von Misshandlungen waren nicht zu erkennen, aber im verfallenen Gesicht spiegelte sich das ganze Elend des Gefangenen.“ Der damalige CDU-Chef Helmut Kohl wird an jenem Tag sagen, es sei das Erschütterndste gewesen, was er je in seinem Leben gesehen habe.
Eine Geisel in ihrem Unglück, vorgeführt als Machtdemonstration: Man wird das später in noch viel grausamerem Maße bei den Terroristen des „Islamischen Staats“ erleben. Damals, im Deutschen Herbst, wirkt es wie ein Schock, es erschüttert die Bundesrepublik zutiefst.

spiegel.de 30.12.2016
Spiegel 12.9.1977

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Sigmar Salzburg
09.01.2017 13.38
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Eine sonderbare „Abschrift“ bei SPON

Das erste Urteil: Todesstrafe. Das zweite: Todesstrafe. Das dritte: Todesstrafe.
„Mir blieb die Luft weg“, erinnert sich Jörn-Ulrich Brödel und die Fassungslosigkeit lässt seine Stimme noch Jahrzehnte später beben...

14. September 1950, Urteilsverkündung gegen 15 Angeklagte vor dem sowjetischen Militärtribunal in Weimar. Alles war perfekt arrangiert am Ende dieses Willkürprozesses ohne Verteidiger...

Nur zwei Stühle neben ihm war soeben sein Freund Hans-Joachim Näther zum Tode verurteilt worden...

Jahrzehntelang wusste er nicht, ob seine Freunde noch lebten. Erst nach dem Zerfall der Sowjetunion gab es die traurige Gewissheit, bestätigt durch Moskauer Archivbelege: Alle Todesurteile waren ausgeführt worden. Deshalb kramt Brödel jetzt aus einem Ordner eine eng bedruckte Seite hervor: Es ist die Abschrift des letzten Flugblattentwurfs der Widerstandsgruppe, verfasst im Februar 1950. Eindringlich wird darin die antiamerikanische Hass-Propaganda der DDR kritisiert.

„Versteht ihr das nicht? Hassen dürft ihr! Hassen müsst ihr! Hassen ist euch eine nationale Aufgabe geworden. …Wie gro ß artig die Idee, den Hass gener ö s in eine Richtung lenken zu wollen. …Mit Hass begann es schon einmal. Das Resultat war der Krieg von vorgestern, die Toten von gestern.“

Brödel ist sicher: Dies sind Näthers Worte, auch wenn sich das nicht mehr eindeutig nachweisen lässt. Stil und Duktus passten, sagt er. Für ihn ist der Text ein Vermächtnis seines Freundes. Und eine Warnung an die Gegenwart.

spiegel.de/einestages 9.1.2017

Gibt die „Abschrift“ das Original wieder? Von wann ist sie? 1950? 1996? Das Heyse ss/ß-System deutet auf 1996. Das Original könnte 1950 in Normaldeutsch, in ß-freier Schreibung oder Großschrift verfaßt gewesen sein. Auch die wohl bewußt angedeuteten Leerschritte geben zu denken.

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Sigmar Salzburg
04.01.2017 09.34
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Die Kaffee-Kantate von Johann Sebastian Bach ...

... wurde vermutlich um 1735 in Leipzig im Zimmermannschen Kaffeehaus durch Bach selbst uraufgeführt. Das Gebäude wurde 1943 zerstört.

Bei der Suche nach dem Text kann man auf die schweizerische Rezension des Büchleins „Ey, wie schmeckt der Coffee süße“ stoßen, die es ß-los beschreibt, aber die Verse in der reformierten deutschen Rechtschreibung wiedergibt. Die Ausgabe der Bachgesellschaft von 1879 verwendete den ß-freien Antiqua-Stich.

Zum Glück kann man in wikisource die Original-Dichtung von Christian Friedrich Henrici („Picander“) finden und feststellen, daß auch er den seit 600 Jahren bewährten ß-Gebrauch (allerdings nach Gehör) gepflegt hat, der nun von den kulturbanausischen Kultusministern beschnitten wurde. Die letzten beiden Verse finden sich nur in Bachs Kantate und können in der Handschrift des Komponisten eingesehen werden:

9. Recitativo

Nun geht und sucht der alte Schlendrian,
Wie er vor seine Tochter Ließgen
Bald einen Mann verschaffen kann;
Doch, Ließgen streuet heimlich aus:
Kein Freier komm mir in das Hauß,
Er hab es mir denn selbst versprochen
Und rück es auch der Ehestiftung ein,
Daß mir erlaubet möge sein,
Den Coffe, wenn ich will, zu kochen.
Jeder kann sich überzeugen, daß auch Bach keine „dass“ geschrieben hat. Die alles durchdringende Heyse-ss-Regel ist ein „Hattrick“ – der „Geßlerhut“, um die „Reform“ überall sichtbar durchzusetzen.

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Sigmar Salzburg
16.10.2016 05.40
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Hauptmann von Köpenick

Der Schuster Wilhelm Voigt verkleidete sich 1906 als Hauptmann, besetzte das Rathaus von Köpenick und türmte mit der Stadtkasse. Preußens Armee: blamiert. Der dreiste Gauner: über Nacht ein Medienstar, weltweit...

In seiner 1909 veröffentlichten Autobiografie versuchte sich Voigt eine weiße Weste zu verpassen und erklärte, der Finanzwart habe ihn gebeten, das Geld mitzunehmen: „Ich war ganz erstaunt darüber, denn ich hatte mit keinem Worte und mit keiner Silbe geäußert, dass ich die Kasse übernehmen wollte. Sie wäre ohne diese Übergabe ruhig in Köpenick geblieben.“ Dass diese Behauptung nicht stimmte, konnte der Historiker Winfried Löschburg in seinem 1978 erschienenen Buch „Ohne Glanz und Gloria“ anhand offizieller Dokumente nachweisen.

spiegel.de/einestages 14.10.2016

Daß das „dass“ falsch ist, kann man nachlesen: „Wie ich Hauptmann von Köpenick wurde: Mein Lebensbild von Wilhelm Voigt“ Hofenberger Sonderausgabe und gutenberg.spiegel.de. Seltsamerweise zeigt Google den Spiegel-Artikel auch noch mit richtigem „daß“ an.

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Sigmar Salzburg
01.09.2016 12.03
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Ein Gedicht der 13jährigen Angela Kasner/Merkel?

Seit einiger Zeit geistert ein angebliches Jugendgedicht Angela Merkels durchs Internet, das in der Zeitschrift des Kommunistischen Jugendverbandes 1967 abgedruckt gewesen sein soll:

Revolution von Oben

Ernst Thälmann, schreite du voran,
ich lieb‘ den Sozialismus,
drum steh ich hier nun meinen Mann,
weil Revanchismus weg muss.

Schon lange will das rote Heer
den Feind eliminieren.
Ich brauch‘ hierfür kein Schießgewehr –
ich werd‘ ihn infiltrieren!

Ich werd Chef der BRD,
– der Klassenfeind wird’s hassen! –
und folg‘ dem Plan der SED,
sie pleitegeh’n zu lassen!“

Angela Merkel


Veröffentlicht [angeblich] in der Zeitschrift „Frösi“, September 1967
(wieder entdeckt von P.Miehlke im „Eulenspiegel“ 4/12)
alles-schallundrauch Febr. 16

Der Kenner sieht natürlich sofort, daß die Fälschung aus der Zeit nach 1996 stammt wegen „muss“/„Schießgewehr“ und sogar nach 2006 wegen „pleitegehen“. Der Name „Merkel“ war 1967 nicht voraussehbar. Dagegen ist die Gendrifizierung „ich stehe meine Frau“ auch heute noch unüblich und wurde gemieden. Der Beitrag ist wohl tatsächlich als Satire gemeint gewesen.

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Sigmar Salzburg
29.08.2016 12.31
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„Die Erde wächst nicht mit“

Dieses Buch Martin Neuffers wurde bei uns hier und da schon erwähnt. Nicolaus Fest zitiert daraus in seiner neuesten Aussendung, allerdings konvertiert in das Reform-Dass-Deutsch, das 1982 so gut wie unbekannt war – siehe auch die Kurzfassung bei Spiegel.de 19.4.82. Hat Fest den Text aus einer unsicheren Quelle abgerufen oder hatte er einen Korrektur-Automaten eingeschaltet?:

Martin Neuffer, einst NDR-Intendant und Oberstadtdirektor von Hannover, veröffentlichte 1982 unter dem Titel „Die Erde wächst nicht mit“ seine Gedanken zur absehbaren Überbevölkerung und Migration. Darin finden sich bemerkenswerte Sätze:

– „Die reichen Länder (…) werden Minenfelder legen, Todeszäune und Hundelaufgehege bauen. Die DDR wird endlich eine lukrative Exportindustrie in Grenzsicherungssystemen entwickeln können.“

– „In Wirklichkeit handelt es sich (bei der Einwanderung kulturfremder Menschen) gar nicht um Einwanderung, sondern um eine Art friedlicher Landnahme.“

– „Alles deutet darauf hin, dass solche Wanderungen insgesamt weit mehr Probleme schaffen, als sie lösen – und das nicht nur vorübergehend, sondern über lange geschichtliche Zeiträume.“

– „Andererseits führt die gutgemeinte Integrationspolitik der Bundesrepublik zu oft untragbaren Belastungen für deutsche Kinder und Lehrer.“

– „Politische Auseinandersetzungen radikaler Ausländergruppen, besonders der Türken, führen zu zusätzlichen Krawallen und zur Beeinträchtigung der Sicherheit und des Friedens auf den Straßen und Plätzen unserer Städte. Die Gruppen exportieren die heimischen Konflikte nach Deutschland und tragen sie hier mit aller Rücksichtslosigkeit aus. Sie wenden sich dabei immer stärker und immer radikaler auch gegen die deutsche Polizei.“

– „Die schwerwiegendsten Probleme sind bei den Türken entstanden. (…) Die Verlagerung des türkischen Bevölkerungswachstums in die Bundesrepublik ist (…) ein gemeingefährlicher Unfug.“

– „Die Gefahr, dass alle Integrationsbemühungen völlig illusorisch werden und dass sich zugleich eine Art türkisch-islamisches Subproletariat bildet, liegt auf der Hand.“

– Das bedeutet, dass auch das Asylrecht neu geregelt werden muss. (…) Es ist eine Illusion zu glauben, die Bundesrepublik könne in dieser Lage die Grenzen für alle Asylanten der Erde weit offen halten.“
Neuffer galt innerhalb der SPD als links. Und auch der SPIEGEL unter seinem damaligen „Im-Zweifel-links“-Herausgeber Rudolf Augstein hatte mit dem Abdruck dieser Analyse offensichtlich keinerlei Probleme.

nicolaus-fest.de 29.8.2016

P.S.: Auch der erste Teil des Festschen Textes ist lesenswert:

Wer auf die großen Projekte der letzten Jahrzehnte schaut, findet überall den Einfluß dieses sozialwissenschaftlichen Optimierungswahns. Ob Rechtschreib- und Bildungsreform, ob Vegetarismus, Windkraft, Umweltschutz, Inklusion und Gendertum, ob Feinstaub oder das indoktrinäre Gerede von Deutschland als einem Einwanderungsland – immer ging es um angebliche Verbesserungen der Gesellschaft ...

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Sigmar Salzburg
07.06.2016 12.06
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Aus Fritz Walters Erinnerungen an Ernst Willimowski

Es waren magische Momente: Bei der WM 1938 traf Ernst Willimowski viermal für Polen gegen Brasilien. Bald darauf spielte er für Deutschland – und trug unter Sepp Herberger das Trikot mit dem Hakenkreuz. Von Diethelm Blecking und Daniel Huhn

Wieder geriet Willimowski ins Blickfeld von Sepp Herberger und debütierte 1941 in der deutschen Nationalmannschaft gegen Rumänien. „Er hatte keine Nerven, war eiskalt“, schrieb Mitspieler Fritz Walter in seiner Autobiografie, „für mich der größte aller Torjäger, ein Wunder im Ausnutzen von Chancen. Er erzielte mehr Tore, als er Chancen hatte.“

Fritz Walter erinnert sich ebenso an den „Willimowski der dritten Halbzeit“ und widmete ihm ein ganzes Kapitel unter dem Titel „Schlitzohrs lustige Streiche“. Nach dem Spiel Deutschland-Schweiz 1942 gelang es den Mannschaftskameraden nur mit Mühe, den lebensfrohen Wunderstürmer zum Frühstück zu holen: „Alles Rütteln und Schütteln blieb zwecklos. Als wir ihm die Bettdecke wegzogen, sahen wir, dass er noch Hemd und Krawatte anhatte. Schlitzohr musste aus Freude über seine vier Tore einen Tropfen mehr getrunken haben, als ihm guttat!“

spiegel.de/einestages 6.6.2016

Fritz Walters Veröffentlichungen enden 1968.

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Sigmar Salzburg
03.02.2016 07.12
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Ass-History

Wenige Jahre nach der Sputnik-Mission und Juri Gagarins Erstflug schrieb die Sowjetunion 1966 erneut Raumfahrtgeschichte. Eine Sonde landete weich auf der narbigen Oberfläche des Mondes. Vorangegangen war eine schmerzhafte Serie von Misserfolgen.

Das Neue Deutschland zur Landung
Bild: Staatsbibliothek Berlin

„Zum ersten Male ist es gelungen, ein Gebilde von Menschenhand, einen Kundschafter menschlichen Erkenntnisdrangs nach wohlberechnetem Flug durch das Weltall sicher auf den Mond zu bringen. Es war das Land Lenins, dass diese kolumbische Leistung vollbrachte.“ So verkündete die wichtigste Tageszeitung der DDR, das Neue Deutschland, am 4. Februar 1966 die erste weiche Landung eines Raumfahrzeugs auf dem Mond. "Gewiß, neue und noch kühnere Taten werden folgen. Doch in den Geschichtsbüchern der Zukunft wird zu lesen sein: Am 3. Februar 1966 hat die Sowjetunion einen wichtigen Pfeiler zu der Brücke gesetzt, die den ersten Menschen sicher zum Monde trug. Wir sind glücklich, mit dem Land in engster Freundschaft verbunden zu sein, dass solche Leistungen vollbringt.“
heise.de 3.2.2016

Im beigegebenen Faksimile ist beide Male ein richtiges „das“ zu lesen, das anscheinend übereifrig linientreu und falsch durch ein „dass“ der Ass-Reform ersetzt wurde.

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Sigmar Salzburg
27.01.2016 12.12
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Israel veröffentlicht Eichmanns Gnadengesuch

Lt. „Spiegel“:
„Ich erkläre nochmals wie bereits vor Gericht geschehen: ich verabscheue die an den Juden begangenen Gräuel als größte Verbrechen und halte es für gerecht, dass die Urheber solcher Gräuel jetzt und in Zukunft zur Verantwortung gezogen werden. ...“
Das Schreiben ist auf den 29. Mai 1962 datiert. 48 Stunden später wurde Eichmann gehängt.
spiegel.de 27.1.2016

Lt. „Welt“:
„Ich erkläre nochmals, wie bereits vor Gericht geschehen: Ich verabscheue die an den Juden begangenen Greuel als größtes Verbrechen und halte es für gerecht, dass die Urheber solcher Greuel jetzt und in Zukunft zur Verantwortung gezogen werden.“
welt.de 27.1.2016

Lt. Faksimile verwendete er aber kein 1996er-Reform-Dass-Deutsch und (Seite 2) auch keine Gräuel-Schreibung.

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Sigmar Salzburg
24.01.2016 15.33
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Avantgarde-ss-Reform schon bei der RAF?

Rasch formiert sich um das Untergrund-Paar Ende 1984 eine komplett neue Mannschaft. Die RAF-Neueinsteiger haben kaum Waffen, kein Geld. Und so gut wie keine Erfahrung mit dem Leben im Untergrund. „Aber wir waren entschlossen, diesen Weg zu gehen“, schrieb Eva Haule 1993 in einem offenen Brief aus dem Gefängnis. Und über Wolfgang Grams als treibende Kraft: „Ohne ihn und seine Zähigkeit, mit der er alle praktischen Probleme angefasst und gelöst hat, wäre das nicht gegangen.“ ...

Letztes Opfer der dritten RAF-Generation: GSG-9-Kommissar Michael Newrzella. Ihn erschießt Wolfgang Grams im Juni 1993 auf dem Bahnhof von Bad Kleinen, bevor er beim Feuergefecht selbst sein Leben verliert.
Es ist der einzige aufgeklärte der zehn Morde dieser Phase. Die erste RAF-Generation um Andreas Baader und Ulrike Meinhof (1970-1972) wollte durch Anschläge „das revolutionäre Bewusstsein der Massen wecken“ – so formulierte sie es in ihrer zweiten Kampfschrift unter dem Tarntitel „Die neue Straßenverkehrsordnung". Der Avantgarde-Gedanke: die RAF vornweg. Und die Massen rennen hinterher.

spiegel.de/einestages 23.01.2016

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Sigmar Salzburg
04.08.2015 07.05
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Robert Havemann

Vera Lengsfeld hatte 2004 die Parlaments-Initiative gegen die Rechtschreibreform unterstützt. Jetzt schreibt sie reformiert, um nicht aufzufallen und noch abgedruckt zu werden. Auf der „Achse“ hätte sie Robert Havemann originalgetreu und fachlich richtig zitieren können, aber sie hat es unterlassen. So schreibt Havemann 1977 das Dass-Deutsch von 1996:

Vera Lengsfeld 28.07.2015
Kein Sozialismus ohne Freiheit?

Robert Havemann, Physiker, von den Nazis zum Tode verurteilter Kommunist, bekanntester Regimekritiker der DDR, gab mit seinem „Berliner Appell“ den entscheidenden Anstoß zur Entstehung der „Unabhängigen Friedens- Umwelt und Menschenrechtsbewegung“ der DDR der achtziger Jahre... Anlässlich einer Generalrevision meiner Bücherregale, beschloss ich, „Fragen, Antworten, Fragen- Aus der Biographie eines Deutschen Marxisten“ nach über dreißig Jahren noch einmal zu lesen. Mit großem Gewinn. Manche Sätze scheinen für die heutige Situation geschrieben zu sein: „Unsere Verfassung garantiert ja das Recht der freien Meinungsäußerung. Das Unglück ist nur, dass es so wenige in Anspruch nehmen.“ Gemeint ist die DDR-Verfassung, nicht das Grundgesetz, dessen Wortlaut heute weitgehend unbekannt zu sein scheint.

Was Havemann zur Meinungsbildung in der sozialistischen DDR analysierte, ist von beklemmender Aktualität: „Eine demokratische Meinungsbildung von unten ist absolut ausgeschlossen. Zwar bilden sich zu allen wichtigen Fragen die verschiedenartigsten Meinungen innerhalb der Bevölkerung. Aber diese Meinungen des Mannes auf der Straße sind fast immer gegen die offizielle Meinung, die von oben dekretiert wird, gerichtet. In der Presse, im Rundfunk und Fernsehen wird diese offizielle Meinung zwar unaufhörlich und unisono verkündet, aber trotzdem gelingt es nicht, die Ansichten und das Denken der Volksmassen mit Hilfe dieses staatlichen Informationsmonopols zu manipulieren. Auch innerhalb der strukturellen Fasern des Machtapparats bleibt das Denken der Staats- und Parteifunktionäre völlig schizophren. Sie wissen, was sie zu denken haben. Die wahren Ansichten dieser Leute kann man nur unter vier Augen erfahren….

[Wir nähern uns offensichtlich wieder diesem Zustand.]

Interessant ist Havemanns Analyse, wie es zum Stalinismus in Deutschland kam:„.... in diesem elenden, zerrissenen, militärisch besetzten , hungernden Land war Demokratie nicht nur eine lächerliche Illusion, sie war einfach unangebracht. Was hätte schon dabei herauskommen können, wenn diese Leute das Recht gehabt hätten, frei für sich selbst zu entscheiden. Nein, sie mussten geleitet werden, ohne gefragt zu werden, von klugen, fortschrittlichen und selbstlosen Leuten. Erfüllt von unserem Sendungsbewusstsein hielten wir uns für die einzigen historisch Berufenen. Wir wurden zu Stalinisten, ohne es zu merken.“ Auch heute wimmelt es um uns herum von Leuten, die erfüllt von Sendungsbewusstsein sind und sich für berechtigt halten, um der edlen Sache willen, das dumme Volk zu erziehen.
[...]
Eine andere Beobachtung Havemanns ist noch interessant: „Innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft entwickeln sich auf allen Gebieten des Lebens neue Ideen, während die Ideen der Herrschenden mehr und mehr erstarren und verkalken. Es zeigt sich, dass Form und Inhalt der parlamentarischen Demokratie sich immer weniger entsprechen. Der progressive freiheitliche Charakter der Form gerät in wachsenden Widerspruch zum zunehmend reaktionären Inhalt des Systems.

[Hier rutscht Frau Lengsfeld noch etwas Bewährtes in ihren eigenen Text:]

Man muß wahrscheinlich die Erfahrung zweier Diktaturen hinter sich haben, um so genau die Gefährdungen der Demokratie beschreiben zu können. [...]

achgut.com 28.7.2015

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Sigmar Salzburg
06.07.2015 17.38
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Ein WKII-Marinesoldat verwendete ab 1941 die Reformschreibung ...

... natürlich nicht, sondern die Focus-Redaktion schrieb sein Tagbuch um, damit die Leser nicht an das antidemokratische Schurkenstück „Rechtschreibreform“ 1996-2006 erinnert werden. Natürlich ist es wieder ausschließlich die „neue“ ss-ß-Regel, die den Änderungbedarf künstlich erzeugt, ohne daß zuvor jemand danach verlangt hatte:

... „Diese Nacht wurden wir das erste Mal von den Tommies hier im Hoplafjord angegriffen. Sie kamen ganz plötzlich, Welle auf Welle, große 4motorige Langstreckenbomber….“

Am 29. April 1942 schrieb der deutsche Marinesoldat Karl Heinrich Josten diese Zeilen in sein Tagebuch. An Bord eines Zerstörers, der gerade an der norwegischen Küste nahe Trondheim lag und dort von britischen Bombern angegriffen wurde.... Ein spannendes und historisch aufschlussreiches Dokument, das Tochter Marion nach seinem Tod im Jahr 2001 in einer Schublade entdeckte...

Am 20. März 1942 notierte er auf der Überfahrt nach Norwegen über seine vorangegangene Nachtwache:
„Der Sturm wütete mit einer Heftigkeit, die kaum zu beschreiben war. Bereits nach fünf Minuten war ich nass bis auf die Haut, ein Brecher nach dem anderen rollte über Deck... Mir war zu Mute, als ob ich sterben müsste.“

Doch schon am Morgen nach dem Sturm begeisterte sich Josten für die norwegische Fjordlandschaft:

„Die Welt und Natur ist plötzlich wie umgewandelt. Klarer Himmel, sogar die Sonne spendet wohltuende Wärme ... Alles was eben Freiwoche hat kommt an Deck und genießt den herrlichen Anblick...“

Ein wenig klang es fast nach Urlaub, wenn Josten im Frühjahr 1942 schrieb: „Eigentlich müsste man Gott und der Marine dankbar sein, dass man so viel Schönes zu sehen bekommt und obendrein noch bezahlt wird.“

... Im Dezember notierte er: „Habe auch ein Mädel kennengelernt, Fridel heißt sie. Sie hat mir die Schönheiten ihrer Heimat gezeigt, Danzig, Neufahrwasser, Zoppot und Umgebung.“ ...

Am 19. April 1945 schrieb er: „Heute wünsche ich mir mehr denn je, dass dieser Krieg recht bald zu Ende geht und die Menschen Europas sich einig sind und ein Krieg nie mehr möglich ist.“ ... „Der Krieg ist nun endlich aus ... Ich kann das alles nur in dem einen Wörtchen „Unfassbar“ ausdrücken.“... [usw.]

focus.de 1; focus.de 2; focus.de 3

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Sigmar Salzburg
13.05.2015 14.45
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Kleine Korrektur

Weltkriegs-Ende: Gedenken mit argen Webfehlern

10. Mai 2015 00:30 | Autor: Andreas Unterberger

... Der Fehler im deutschen Bundestag passierte dem – sonst sehr klug gedenkredenden – Bundestagspräsidenten Lammert. Sein Fehler war wenigstens nicht böse gemeint. Er leitete eine Aufführung des Kaiserquartetts – also der musikalischen Grundlage mehrerer späterer deutscher und österreichischer Hymnen – mit dem Hinweis ein, dass diese 1797 von Haydn dem österreichischen Kaiser gewidmet worden sei.

Nur: Damals gab es noch gar keinen österreichischen Kaiser (sondern erst ab 1804). Der „gute Kaiser Franz“ war damals noch deutscher Kaiser, oder genauer Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, also auch Kaiser ganz Deutschlands.

In einem weniger formellen Sinn hatte Lammert freilich wieder Recht. Denn damals hatte der in Wien residierende Habsburger-Kaiser schon lange keine gesamtdeutsche Macht mehr...

andreas-unterberger.at 10.5.2015

Siehe auch Leibniz und Unterrichtssprache.

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