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Unwichtige Geschichtsfälschungen
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Sigmar Salzburg
15.10.2009 15.34
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Fälschung der Fälschung der Fälschung ...

Günter Wallraff
„Afrika den Affen“
Für sein neues Buch reiste Enthüllungsjournalist Günter Wallraff als Schwarzer maskiert durch Deutschland… Wallraff besteht darauf, das alles seien „keine Missstände“, sondern es sei die „soziale Realität in diesem Land“. …
Focus online 15.10.09

Die Basler Zeitung erinnerte gerade an Wallraffs erste verdeckte Recherche:

Heute vor …
... 32 Jahren: Wallraff deckt die Lügen der «Bild»-Zeitung auf

1977 enthüllt der Autor Günter Wallraff in seinem Buch die unseriöse Berichterstattung der deutschen Boulevardzeitung «Bild». [Bild]
Er bringt die Missstände in der Bild-Zeitung ans Licht: Günter Wallraff entlarvt die Machenschaften der grössten deutschen Boulevardzeitung.

Es ist die erste verdeckte Ermittlung, in die sich der damals 35-jährige Enthüllungsjournalist Günter Wallraff im Oktober 1977 wagt. Dieser Methode des Enthüllungsjournalismus wird sich Wallraff in seiner Tätigkeit als Journalist später noch einige Male bedienen.
Unter dem Namen Hans Esser schleicht sich Wallraff für vier Monate bei der «Bild»-Zeitung in Hannover ein …
Basler Zeitung online 9.10.09

Diese Reportage über BILD-Fälschungen in der verfälschenden Darstellung von Wallraff ist, in „neue“ Rechtschreibung umgefälscht, inzwischen Schulstoff geworden:

Dorothee Ammermann
Zur Person und zur Website:

Ich unterrichte die Fächer Deutsch und Geschichte am Gymnasium. Die Seiten dienen zum einen der Dokumentation von Projekten, an denen eine Klasse oder ein Kurs in meinem Unterricht teilgenommen hat, sowie als Unterrichtsmaterialien für Klassen/Kurse ...

http://ammermann.de/katharina%20Zeitung.htm

Günter Wallraff: Der Aufmacher – Der Mann, der bei BILD Hans Esser war (Auszug)
Vorbemerkung
Köln, den 16.9.1977
Ich verabscheue Gewalt und Terror. Ich verurteile die Morde an von Drenkmann, Buback und Ponto und den vier Begleitern Schleyers. Warum diese Vorbemerkung zu diesem Buch? Weil zur Zeit [„falsch“: nur noch „zurzeit“ zulässig!] in diesem Land ein Klima herrscht, in dem demokratische Kritik diffamiert und in Terroristennähe gerückt wird. …

„Ein armer alter Mann baut die herrlichsten Geigen der Welt“
In der Nähe von Hannover, bei Nienburg, lebt der Geigenbauer Montag, der mit ungeheurer Sorgfalt Meistergeigen herstellt. … Ich werde bei BILD immer wieder auf Themen unter dem Aspekt „Vom Tellerwäscher zum Millionär“ angesetzt. Es kommt nämlich sehr darauf an, das Schöne und Edle, von dem hier geträumt und träumen gemacht wird, nicht ganz so unerreichbar erscheinen zu lassen, wie es in dieser Gesellschaft ist. Welch ein Potenzial an Klassenhass würde die BILD-Zeitung mit ihrem Baden im Glanz der Großen sonst erzeugen! … Schwindmann erfindet für meine Geschichte den Titel: „Ein armer alter Mann baut die herrlichsten Geigen der Welt.“ Nichts dergleichen habe ich geschrieben: Der Mann war weder arm noch alt, er war ein rüstiger Sechzigjähriger, der zwar wie viele Künstler ein Stipendium hatte und sicher nicht zu den Großverdienern zählte, aber finanziell ganz gut zurechtkam. Doch Schwindmann dichtet weiter: …. Alles reine Erfindung, ich werde nicht einmal gefragt, ob es so gewesen sein könnte. Der Geigenbauer ist sehr erbost, dass er so mitleidheischend dargestellt worden ist. …

Der Zufall wollte es, daß ich dem familiär und künstlerisch gescheiterten Kunstmaler Karl Montag wenige Tage nach Wallraff und dem Fotografen Günter Zint (ehemals Sexpostille „St. Pauli Nachrichten“) mit weiblichem Troß („das waren vielleicht Pflänzchen“) einen Besuch im Sozialwohnheim abstattete. Der BILD-Artikel war gerade erschienen, und Montag war damit beschäftigt, sich bei den Geigenbauern im Lande dafür zu entschuldigen. Besonders in Sorge war er jedoch, weil er Sozialhilfe bezog und gleichzeitig berühmte Geiger seine Instrumente für 20000 DM gekauft haben sollten. Daß BILD-Schwindmann sich dies alleine ausgedacht haben könnte, erschien mir immer recht wenig glaubhaft. Schließlich gibt Wallraff ja zu, daß auch der letzte nicht veröffentlichte Gag sein Phantasieprodukt war.

(Die Sorgfalt, die Montag seinen Instrumenten angedeihen ließ – er nahm angeblich die Decke zwanzigmal ab, um immer noch Verbesserungen anzubringen – sahen echte Profis als ungeheure Bastelei an:„Wenn ich so arbeiten würde, könnte ich meinen Laden zumachen.“ Bei einem Meisterinstrument muß alles auf Anhieb stimmen, dann stimmt auch der Klang.)

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Sigmar Salzburg
03.10.2009 05.02
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Fälschungen auch anderswo

Afghanistan-Buch
Gedruckter Sprengstoff

Das Enthüllungswerk eines Elitesoldaten versetzt dänische Militärs in Panik. Ins Arabische wurde es trotzdem übersetzt – aus zweifelhaften Motiven.

ftd.de 2.10.09

Peinlich für den dänischen Verteidigungsminister: Der Chef der IT-Abteilung des dortigen Militärs hat zu Propagandazwecken ein Dokument in Umlauf gebracht – dabei aber übersehen, dass die „Eigenschaften“-Funktion eines Worddokumentes ihn als Urheber identifiziertbar macht. … Dann tauchte im Netz eine arabische Version des Buches auf. Verteidigungsminister Sören Gade sagte daraufhin, da könne man ja sehen, dass der „Feind“, also arabische Terroristen, sich brennend für das Buch des Soldaten interessierten. Dann aber stellte sich heraus: Das Arabisch des betreffenden Dokumentes war kaum verständlich – die Übersetzung war mit Google Translate gemacht worden. Und zwar vom IT-Chef des Militärs, wie der „Eigenschaften“-Anhang des Worddokumentes bezeugte.
spiegel.de 2.10.09

Nun, seit der „Rechtschreibreform“ sind solche Fälschungen durch Automaten bei uns alltäglich, wenn auch eher innerhalb der eigenen Sprache.

Über Spitzenleistungen der Übersetzungsautomaten hatte ich hier schon („Greensleeves“) und bei FDS berichtet.

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Sigmar Salzburg
04.09.2009 04.52
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Unglücklich mit Wieland in Neuschreibung

… Wozu also noch ein weiteres Buch über das Glück? Christian Schenk wagte es und veröffentlichte kürzlich das Buch Rendezvous mit Göttern und Nymphen. Glücklicher mit Wieland. Wieland? Ja richtig, eben jener Christoph Martin Wieland, der zumeist in einem Atemzug mit Kant, Lessing und Lichtenberg oder Goethe, Herder und Schiller genannt wird …
Faszination entsteht dabei aber weniger aus Schenks leitenden Kommentaren, denn aus Wielands Texten selbst und man bedauert bald, nicht sogleich in die einzelnen Werke wechseln zu können. Ein ansatzweise genügender Kommentar zu den einzelnen Textstellen findet sich hier sicherlich nicht. Dass Wieland zudem – wie Schenk erst im Schlusskapitel zugibt – nicht im Original beibehalten, sondern der neuen Rechtschreibung angepasst wurde, dürfte einem fachkundigen Leser wenige Glücksgefühle entlocken. Schlimmer noch, es finden sich keine Markierungen zu Auslassungen oder »dem sinnvollen Zusammenhang dienende[n] kurzen Einfügungen«, so dass allmählich dämmert, wie subjektiv entstellt Wielands Werke hier präsentiert werden.

Christian Schenk: Rendezvous mit Göttern und Nymphen. Glücklicher mit Wieland. Frankfurt am Main: Haag + Herchen, 2009. 258 Seiten…
(3. September 2009)

http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/1671/

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Sigmar Salzburg
08.08.2009 18.20
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Schiller Bettelbriefe

nach Focus.de:

Im August 1804, ein knappes Jahr vor seinem Tod, wird sein viertes Kind, Emilie, geboren. Schiller bittet daraufhin Prinzessin Caroline, die Tochter von Herzog Carl August und dessen Frau Louise, darum, die Patenschaft zu übernehmen: „Werden Sie mir verzeihen, gnädigste Prinzessin, dass ich mir die Freiheit genommen habe, Sie als Patin meiner kleinen Emilie zu nennen? [...] Schiller.“

focus.de 7.8.09

Ob sich die Fälschung schon in der besprochenen neuen Ausgabe des Sanssouci-Verlages findet, konnte ich noch nicht nachprüfen.

Der ss-Freund Kühnle zitiert hier wahrscheinlich originalgetreuer:

Werden Sie mir verzeihen, gnädigste Prinzessin, daß ich mir die Freiheit genommen habe, Sie als Pathin meiner kleinen Emilie zu nennen?

www.kuehnle-online.de

Nebenbei: Ortografisch werden Sie auch bei Google geholfen:

Meinten Sie: Sanssouci Verlag Schillers Pitt- und Bettelbriefe

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Sigmar Salzburg
26.07.2009 08.15
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Ein einig Volk von Rechtschreibstümpern?

Gestern erfuhr ich bei einem Klassentreffen, daß mein früherer Musiklehrer, Hermann Wagner, ein 1978 erschienenes Buch geschrieben hat,
„Das Jahr danach, 1945 -1946“,
in dem er kulturelle Neuanfänge, vor allem in Ostholstein, beschreibt. Neugierig geworden, fahndete ich im Internet und fand in einer Sammlung von biographischen Notizen zu Mathias Wiemann, dem großen Schauspieler und Rezitator, auch Abschnitte aus diesem Buch.

Ich bin sicher, daß Hermann Wagner eine solche „Rechtschreibung“ nie verwendet hat:

[In einem Lager mit deutschen Kriegsgefangenen:]

» ... Nach der Lesung am See war nun gewiß noch Außerordentliches zu erwarten, aber ob das heutige Wagnis glücken würde schien mir fraglich. Allerdings: Ein Urteil konnte ich mir kaum erlauben, denn ich hatte Goethes Werk bisher im Theater nicht erlebt ........... «
»M.W. beginnt, nachdem er wieder mit den Beinen festen Stand gesucht hat und, den Brustkorb mächtig hebend, Luft geholt hat. Merkwürdig, dass mich hier bei dem grössten Erlebnis, das ich durch ihn hatte, meine Erinnerung fast gänzlich in Stich läßt, während anderes, Geringeres bewahrt wurde. Ich weiss nur noch, das Ungeheuerliches auf mich niederging.


[usw.]

http://www.dieterleitner.de/w2bioglang_6_teil_45_50.htm

__________________
Sigmar Salzburg

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Sigmar Salzburg
22.07.2009 21.30
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Wieder von Tuten und Blasen keine Ahnung

So tönt Bachs Alphorn
Johann Sebastian Bach schrieb eine Motette für Instrumente, von denen heute niemand mehr weiß, wie sie sich angehört haben. Nun haben Forscher mit Hilfe von Hightech-Software den Sound aus längst vergangenen Jahrhunderten rekonstruiert – und ein sonderbares Bach-Horn nachgebaut….
… Begleitet wurde der vierstimmige Chor von einem trompetenähnlichen Kornett, drei Posaunen und zwei Litui. Es war eines der letzten Male, dass der Klang eines Lituus in der Öffentlichkeit vernommen wurde. Danach geriet das Krummhorn mit einem Kesselmundstück in Vergessenheit – und damit auch sein Klang.

spiegelde 22.7.09

Das deutsche Wort „Klang“ soll wohl aussterben. Ein „Kornett“ ist ein Blechblasinstrument, wie es etwa Louis Armstrong spielte. Gemeint ist hier auf deutsch ein „Zink“, ital. „Cornetto“, eine Holztrompete mit Grifflöchern. Schon Goethe übersetzte dies Wort in seiner deutschen Fassung der Cellini-Biographie etwas hilflos mit „Hörnchen“. „Krummhorn“ verwirrt, denn es ist ein altes Windkapselnstrument mit sehr geringem Tonumfang. Es wurde aber zur Bachzeit in lateinischen Texten auch als „Lituus“ bezeichnet. Was nachgebaut wurde, ist ein Instrument, das Prätorius 1619 „Hölzern Trommet“ nennt und nach dem Maßstab etwa zwei Meter lang ist. Der altrömische „Lituus“ war aus Blech und am unteren Ende aufwärts gebogen.

Warum aber ist „Albhorn“ trotz der Augstschen Vereinfachungsetymologie immer noch nicht zulässig? Wo doch Übereifrige schon nie dagewesene „Gämshörner“ blasen. Bald werden auch wohl alle Orgelregister neu beschriftet – es ist einfach zu Kotzen.

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Sigmar Salzburg
22.07.2009 19.21
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Ehrung für Israel-Kritikerin stürzt Köhler in Erklärungsnot
… Ebenfalls entsetzt sind die beiden jüdischen Publizisten Ralph Giordano und Arno Lustiger. …
So schwer es ihm auch falle: Er plane, seine Auszeichnungen, das Große Verdienstkreuz und das Bundesverdienstkreuz „für den Fall zurückzugeben, dass Felicia Langer das Bundesverdienstkreuz nicht aberkannt wird“. Von Lustiger hat Köhler am Dienstag ein ähnliches Schreiben bekommen.…

Spiegel online 21.7.09

Giordano hatte aber, wie aus dem heute faksimilierten Brief bei spiegel.de hervorgeht, geschrieben:

Angesichts des konkreten Falles sehe ich mich jedoch zu etwas gezwungen, was mir nur schwer, sehr schwer aus der Feder geht – den Entschluß, meine Auszeichnungen für den Fall zurückzugeben, daß Felicia Langer das Bundesverdienstkreuz nicht aberkannt wird.

Diese Verfälschung ist deswegen irreführend, weil der Verdacht aufkommen kann, der Reformverächter Giordano sei nun doch zu Kreuze gekrochen oder habe sich gegenüber dem Bundespräsidenten „amtlich korrekt“ verhalten wollen.

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Sigmar Salzburg
05.06.2009 17.26
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Literaturkritik 27.5.09

In „Tribut an Freud“ schildert Hilda Doolittle ihre Arbeit mit dem Gründungsvater der Psychoanalyse
… Neben „Schrift an der Wand“ enthält der Band mit „Advent“ auch das Tagebuch Doolittles, das sie während der Arbeit mit Freud führte und in dem sie sich über die Methoden und die Schlussfolgerungen des Meisters deutlich kritischer äußert, sowie 21 Briefe beziehungsweise Postkarten Freuds, die sich in Doolittles Nachlass fanden. Diese werden in der jeweiligen Originalsprache (Deutsch beziehungsweise Englisch) dargeboten; auf jene Briefe, die Freud auf Englisch verfasste, folgt deren deutsche Übersetzung. Warum man es allerdings für nötig hielt, die Orthografie der Briefe zu „moderniser[en]“, wird ein editorisches Enigma bleiben.
http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=13145
Hilda Doolittle (Hg.): Tribut an Freud ...
Übersetzt aus dem Amerikanischen von Michael Schröter.
Urs Engeler Editor, Basel 2008.

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Sigmar Salzburg
05.06.2009 09.23
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Grabrede gefälscht?

[Das Heyse-ss/ß-System wurde nur ein Jahrzehnt vor 1902 in Österreichs Schulen gelehrt und dann erst wieder durch die „Rechtschreibreform“ ab 1996 exhumiert. Wenn es außerhalb dieses Rahmens auftritt, besteht der dringende Verdacht, daß jetztzeitliche Fälscher oder gar Fälscherbanden am Werk waren. Immerhin werden nun nur noch Buchstaben ausgetauscht und nicht ganze Leichname, wie möglicherweise im Falle Rosa Luxemburg.]

DIE ZEIT, 04.06.2009 Nr. 24

Grabrede für Rosa Luxemburg
Jahrzehnte lag sie unbeachtet im Archiv, jetzt wird sie erstmals veröffentlicht: Die Totenrede, die Paul Levi, Anwalt und Geliebter Rosa Luxemburgs, am 13. Juni 1919 bei deren Beerdigung hielt


Liebe Genossen und Genossinnen!
Nach fünf Monaten bringen wir hier zur Erde, was von Rosa Luxemburg zur Erde gehört. Fünf Monate treibt der Körper auf der Welt umher, gehasst noch im Tode, geschändet noch im Tode, verflucht noch im Tode von denen, die sie gemordet haben.
Aber der tote Körper steht auf, und auf steht mit ihm der Fluch, der dreifache Fluch für die, die das getan haben. Der Fluch, nicht für die, die vorgeschoben sind, nicht für die Henker, der dreifache Fluch gilt denen, die den Mord veranlasst haben und heute noch in den Ministersesseln sitzen.

[In diesen Tagen wurde oft genug wiederholt, daß Rosa Luxemburg von rechten Freicorpskämpfern ermordet wurde, aber ebenso oft unterdrückt, daß dies mit Rückendeckung der damaligen SPD-Regierung geschah]

Der dreifache Fluch gilt denen, die nach der Schande eines Krieges von fünf Jahren noch eine tausendfach größere Schande verübt haben.
[…]
Nicht mit gedämpftem Trommelschall können wir die Tote zur Erde betten. Wie über dem Reitergrab als letzter Gruß der Klang der Retraite erklingt, so müssen wir der Toten heute zurufen den Gruß, von dem wir wissen, Millionen und Abermillionen auf der weiten Welt werden ihn aufnehmen.
Wir senden heute dieser Toten als letzten Gruß den Gruß der proletarischen Welt, den Gruß der Internationale, den Gruß vom Leben, den Ruf: »Es lebe die Weltrevolution.«

Quelle: Archiv der sozialen Demokratie, Friedrich Ebert Stiftung; NL Levi, Box 142, Mappe 285

http://www.zeit.de/2009/24/Grabrede

[Selbstverständlich ist auch das Zitat des Mordtruppanführers Pabst aus Klaus Gietingers Buch „Eine Leiche im Landwehrkanal – Die Ermordung der Rosa L.“ bei Wikipedia ss-verfälscht:

„Daß ich die Aktion ohne Zustimmung Noskes gar nicht durchführen konnte (mit Ebert im Hintergrund) und auch meine Offiziere schützen mußte, ist klar. Aber nur ganz wenige Menschen haben begriffen, warum ich nie vernommen oder unter Anklage gestellt worden bin... Ich habe als Kavalier das Verhalten der damaligen SPD damit quittiert, daß ich 50 Jahre lang das Maul gehalten habe über unsere Zusammenarbeit.“]

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Sigmar Salzburg
03.06.2009 05.55
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Auf keine Texte ist mehr Verlaß!

Die Wikipedia-Mischung von Nachlässigkeit und Reformfälschereifer erstaunt immer wieder, hier im Zitat Lessings über Goethes „Werther“:

„Wenn aber ein so warmes Produkt nicht mehr Unheil als Gutes stiften soll: meynen Sie nicht, daß es noch eine kleine kalte Schlußrede haben müsste? Ein Paar Winke hinterher, wie Werther zu einem so abentheuerlichen Charakter gekommen; wie ein andrer Jüngling, dem die Natur eine ähnliche Anlage gegeben, sich dafür zu bewahren habe. Denn ein solcher dürfte die poetische Schönheit leicht für die moralische nehmen und glauben, dass der gut gewesen seyn müsse, der unsre Theilnehming so stark beschäftiget. Und das war er doch wahrlich nicht. [...] Also, lieber Göthe, noch ein Kapitelchen zum Schlusse; und je cynischer, je besser! (26. 10. 1774 an den Literaturhistoriker J. J. Eschenburg)“
http://de.wikipedia.org/wiki/Die_Leiden_des_jungen_Werther

Wenn mir auch der volle Orignaltext nicht zu Verfügung steht, erinnere ich mich doch nicht an Dass-Deutsch in Lessings Briefen. Richtiger wird der Ausschnitt sein, wie Fritz J. Raddatz am 13.02.1981 ihn in der ZEIT zitierte:

Also, lieber Göthe, noch ein Kapitelchen zum Schluße; und je cynischer je besser!“

http://www.zeit.de/1981/08/Ein-Buerger-ein-Radikaler

… oder noch wahrscheinlicher: Vera Lind – „Selbstmord in der frühen Neuzeit“, 1999 :

»Also lieber Göthe, noch ein Kapitelchen zum Schluße, und je cynischer je beßer!« forderte Lessing ...

Lind Selbstmord

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Sigmar Salzburg
30.05.2009 14.53
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Nichts bleibt verschont

Unter großem Trara und unter der Mitwirkung der Bildungsministerin Erdsiek-Rave wurde vom Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlag ein Portal „GeZeiten“ eröffnet, in dem angemeldete Bürger Erlebnisberichte veröffentlichen können. Dazu muß man dem Verlag jegliche Verwertungsrechte einräumen, einschließlich der redaktionellen Änderung (was sicher auch die Rechtschreibung einschließt).

Ein Blick in die Briefe eines Wilhelm Christian Wilkens aus der Zeit des Kriegsendes zeigt den munteren Fälschergeist, der die Redaktion und ihre Helfer beflügelt. Dabei kann man über die Schreibfertigkeiten des Schreibers nur spekulieren. Eine gewisse ss-Verwirrung ist nicht auszuschließen, da zur Kriegzeit oft, gerade beim Militär, ß-los geschrieben wurde. Jedoch fehlen die zugehörigen ss nach Langvokal ganz, und das systematische Heyse-ß war allgemein unbekannt. Nach der neuen Orthographie-Chronometrie wurde die Fälschung mit 70 prozentiger Wahrscheinlichkeit nach 2006 hergestellt, da das große „Du“ nicht angetastet ist: Aber sonst ist den Fälschern eine besondere Kenntnis und Gründlichkeit nicht nachzusagen:

25. Februar 1946
Wenn ich auch überzeugt bin dass Deine Zeit mehr in Anspruch genommen ist, die Werkstatt endlich einmal unterzubringen und mit ihr zum Arbeiten zu kommen, so glaube ich doch, dass Zeit für ein paar Zeilen an mich gewesen wäre. Ich habe noch einmal an Lungwitz in demselben Sinne wie an Stams geschrieben, da ja, weil ich nichts von Dir hörte. angenommen werden kann, daß dieser Brief verloren_ging….
Vor etlichen Tagen schrieb ich an Hauke … Ich hoffe, daß mein Brief ankommt. Welche Nachricht hast Du von zu Hause? Kann S. gut an?
In der Hoffnung, dass Dich dieser Brief zu einem kurzen Bericht veranlassen wird, bin ich mit herzlichen Grüßen Dein WW

5. März 1946
Heute morgen gingen Deine beiden Briefe bei mir ein...
Als Letzte gingen wir aus den Kessel St.Loo und retteten uns am 24.8. nach Rouen …
Ich selbst konnte in meiner alten Branche einstweilen nichts mehr werden, wegen völligen Fehlens irgendwelcher Materialien: zurzeit bin ich mäßig bezahlter Geschäftsführer einer Selterwasserfabrik |sie stellten u. a. Heißgetränke aus einem grässlichen roten künstlichen Sirup her, aus dem Mutti uns „Rote Grütze“ kochte.
Grüß bitte recht herzlich Deine Frau von mir. Ich freue mich, dass Ihr so schnell wieder zusammengefunden habt und dass nun dieses Zusammenkommen gekrönt wurde durch das Erscheinen eines Buben.


gezeiten.shz.de


P.S.: Versuchsweise habe ich meine erste Auseinandersetzung mit dem Kieler Kultusministerium dort eingesetzt – reformresistent.
– geändert durch Sigmar Salzburg am 01.06.2009, 13.44 –

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Norbert Lindenthal
14.04.2009 13.28
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Und er schrieb:

Heute ist wohl mein letzter Morgen …

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Sigmar Salzburg
14.04.2009 09.24
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Focus und DPA fälschen weiter.

Focus.de 7.4.09

Landshut-Bluttat

Franz Josef N. hatte das Blutbad im Landshuter Gericht lange geplant. In einem Abschiedbrief, der FOCUS-Online vorliegt, erklärt er sein Motiv …
„Heute ist wohl meiner letzter Morgen. Ich fühle mich nicht als Mörder, wenn es passiert. Ich werde diese Menschen für den jahrzehntelangen Terror bestrafen. Ich zahle dafür den höchsten Preis: mit meinem Leben. So geht es nicht mehr weiter. Wenn man Angst vor der Post haben muss, da fast täglich Anwalts, Gericht- oder Post von der Staatsanwaltschaft kommt. Und wir haben niemals etwas Unrechtes getan.“

Das beigegebene Bild des Briefes zeigt jedoch, daß der Täter herkömmlich „muß“ geschrieben hat und außerdem „etwas unrechtes“.

http://p3.focus.de/img/gen/E/c/HBEce9wd_Pxgen_r_Ax480.jpg

Es darf nicht daran erinnert werden, daß die Schreibung mit „ß“ ist immer noch gültig und weit verbreitet ist.

Dafür zeigt die wohl mit Autokorrektur geschriebene maschinenschriftliche „Erklärung des Täters, datiert auf den 1.4.2009“ die staatkonformen ss-Zeichen. Verbessert wurde im Focus-Text nur „meine Krebskranke Frau“ geändert – ein Fehler, der sicher eine verunsicherte Zusammenziehung der Reformerzeugnisse „Krebs erregend“ und „Krebs krank“ ist.


http://p3.focus.de/img/gen/h/K/HBhKN02X_Pxgen_r_700xA.jpg

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Sigmar Salzburg
22.03.2009 12.09
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Heysifizierung

Die „Essesssucht“ der staatlichen Reformpolitik hat dazu geführt, daß man sich auf die Wiedergabe alter Texte nicht mehr verlassen kann. Korrekturautomaten und Unterwerfungseifer erzeugen ein unentwirrbares Konglomerat von „alter“, „ganz alter“ und „neuer“ Rechtschreibung – ein Rückfall in vorwissenschaftliche Zeiten. Ein gerade gefundenes Beispiel:

Die Pavane kommt ursprünglich aus Spanien, wie Prätorius in seiner Aufzeichnung „Syntagma musicum“ im Jahre 1619 schreibt. Weiter beschreibt er „Inmaßen man siehet, dass er mit sonderlichen, langsamen, zierlichen Tritten und spanischer gravitet formieret werden muss.“

http://www.weg-musik.de/Menuett/Florians_Recherche/Florians_Recherche.htm

Der Satz im Original sieht so aus:

Inmaſſen man ſihet, daß er mit ſonderlichen / langſamen / zierlichen Tritten und Spaniſcher gravitet formiret werden muß.

Der Ersatz des langen „s“, das im üblichen Zeichensatz fehlt, ist noch verständlich. Für die „Heysifizierung“ alter Texte gibt es jedoch keine Entschuldigung.

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Sigmar Salzburg
13.03.2009 17.22
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Das Wort zum Frieden ... in der richtigen Rechtschreibung

Google News meldet:

APIC – ‎11.03.2009‎
Die Presseagentur Kipa dokumentiert den Brief in einer gekürzten Fassung und in der vom Papst benutzten alten deutschen Rechtschreibung. ...

domradio – nachrichten – ‎11.03.2009‎
Die Katholische Nachrichten-Agentur (KNA) dokumentiert den Brief in einer gekürzten Fassung und in der vom Papst benutzten alten deutschen Rechtschreibung. ...

Nun dürfen die Leser der DOMRADIO-Seite also doch noch die Papstworte in der richtigen Rechtschreibung lesen. Nicht die KNA hatte gefälscht, sondern DOMRADIO.

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